Treibsatz fürs Umdenken

Kommentar: Wird´s Fahrverbot gesellschaftsfähig?

Dieselgate ist allgegenwärtig. Fast entsteht der Eindruck, als bestehe die Autobranche nur aus Experten fürs Tricksen, Tarnen, Täuschen und Betrügen. Zur Welt voller Gauner in Maßanzügen zählen aber auch jene Politiker, die sich von der Industrie haben einseifen lassen. Von Frank Pröse

Bis hin zur EU haben Kontrollen versagt, wurden Hinweise ignoriert, wurde mit der Industrie gekungelt – doch wen stört´s?

Seit September 2015 ist der Skandal öffentlich – bis heute verweigert sich die Politik ihrer Pflicht zur Gesundheitsfürsorge. Nicht einmal regelmäßig in den Städten festgestellte erhöhte Stickoxid- beziehungsweise Feinstaub-Werte haben die Einsicht in die Notwendigkeit einer radikalen Verkehrswende befördert. Die Politik setzt da eher pomadig auf Freiwilligkeit, ohne nennenswerte alternative Anreize zu geben. Und die betrogenen Dieselfahrer lässt sie allein.

 Nicht nur, dass denen in 80 Städten ein Fahrverbot droht, dem sie ohne Hilfe von außen nicht entgehen können. Sie erhalten auch keine Unterstützung beispielsweise bei der Prüfung ihrer Ansprüche auf Schadenersatz gegen Verkäufer und Hersteller wegen vorsätzlich sittenwidriger Schädigung oder wegen des schwindenden Vertrauens in den Diesel. Wer beispielsweise einen Euro-5-Diesel oder ein noch älteres Modell bewegt, der will Fragen beantwortet haben, beispielsweise ob eine Nachrüstung lohnt und dann auch freie Fahrt garantiert.

Festzuhalten bleibt: Die Auto-Hersteller haben sich und der gesamten Wirtschaft geschadet. Zusammen mit der Politik hinterlassen sie eine verunsichere Autofahrergemeinde und rauben den am Handel beteiligten Firmen wegen des Restwertrisikos bei Dieselfahrzeugen die Kalkulationssicherheit. Ein Weg aus dem Dilemma wären Garantien zur Einfahrt in die Städte für selbstverständlich kostenfrei von der Industrie nachgerüstete Euro-5 und Euro-6-Fahrzeuge. Das wird den Selbstzünder auf Dauer zwar nicht retten, es hilft aber Diesel-Besitzern aus einer unverschuldeten Klemme.

Die Technik für betroffenen VW 1.6 TDI Motoren 

Ungeachtet dessen muss selbstverständlich mehr Gehirnschmalz in umweltfreundliche Technologien und alternative Verkehrskonzepte gesteckt werden. Beim Umdenken könnten drohende Fahrverbote für Innenstädte durchaus ein Treibsatz sein. Autohersteller und Politiker würden so endlich an den Haken genommen. Die einen wären gezwungen, ihre Produktion rasch umzustellen, wenn die Politiker die Autofahrer als Geiseln nutzt. Die anderen wiederum müssten ihren Wählern akzeptable Offerten für den Nahverkehr machen. Dass Industrie wie Politik erst über diesen erzwungenen Umweg reagieren werden, ist ein Armutszeugnis.

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