Beschädigtes Vertrauen

Kommentar: Zahl der wachsenden IGeL-Leistungen wächst

Es ist eine Frage, die wohl inzwischen immer mehr Patienten in Deutschland umtreibt: Rät ein Arzt zu dieser oder jener Maßnahme, um mir zu helfen, oder hat der Mediziner doch eher seinen Geldbeutel im Blick?

Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) stützt jetzt leider erneut den Verdacht, dass bei manchem „Onkel Doktor“ der finanzielle Aspekt inzwischen eine Gewichtung erhalten hat, die durchaus als ungesund für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient bezeichnet werden darf. Die Rede ist hier von individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Rund 20 Millionen gesetzlich Versicherte - also jeder dritte Kassenpatient - haben laut der Wido-Umfrage im Jahr 2014 Angebote für solche kostenpflichtigen privaten Zusatzleistungen vom Arzt ihres Vertrauens erhalten. Der Anteil stieg seit 2012 von 29,9 auf 33,3 Prozent. 2001 erhielten übrigens erst knapp neun Prozent der Patienten IGeL-Angebote. Und: Im Jahr 2014 wurden in drei von vier Fällen die IGeL-Leistungen auch erbracht. Das lohnt sich - rund eine Milliarde Euro, die die Patienten selbst aufbrachten, flossen so zusätzlich auf die Konten der Mediziner.

Dabei wissen die Ärzte, dass viele dieser Selbstzahler-Angebote fragwürdig sind und keinen nachweisbaren Nutzen haben. Schlimmer noch: „Einzelne Angebote ... können sogar gesundheitsschädlich sein“, heißt es zum Thema IGeL auf der Homepage der AOK. Absolut inakzeptabel ist, wenn einige Ärzte sogar so weit gehen, ihre Patienten unter Druck zu setzen, dass sie einer IGeL-Leistung zustimmen. „Das ist gesetzwidrig“, sagt dazu klar der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU). Was also ist zu tun? Die Politik ist gefordert, was auch Laumann so sieht. Er hat bereits angekündigt, dass geltende Gesetze für IGeL-Leistungen überprüft und nötigenfalls geändert werden. Gut so!

Die seltensten Krankheiten der Welt

Gefordert ist auch die Ärzteschaft. Sie muss gemeinsam dafür sorgen, dass schwarze Schafe unter ihnen nicht das Arzt-Patient-Vertrauensverhältnis untergraben und dass den Medizinern nicht der moralische - und gesetzliche - Kompass in einem leider immer mehr kommerzialisierten Gesundheitssystem verloren geht. Gefordert ist letztlich aber auch der Patient selbst. Man muss sich von seinem Arzt nicht unter Druck setzen lassen. Verstöße kann man melden. Und bevor ein Patient einer IGeL-Leistung zustimmt, kann er auf genauere Informationen durch den Mediziner und zudem eine Bedenkzeit pochen. Auch lohnt es durchaus, sich bei seiner Krankenkasse über Sinn oder Unsinn einer angebotenen individuellen Gesundheitsleistung Klarheit zu verschaffen.

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare