Kruzifix-Urteil

Das Kreuz mit dem Kreuz

Vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sind wir wahrlich einiges gewohnt. So geht es auf Urteile aus Straßburg zurück, dass Deutschland die nachträgliche Sicherheitsverwahrung für Sexualstraftäter kippen und die Kriminellen auf freien Fuß setzen musste. Von Angelika Dürbaum

Unverständnis und Empörung über den höchstrichterlichen Entscheid waren hierzulande und in den anderen 47 Europaratsstaaten groß. Ähnlich verhielt es sich vor zwei Jahren, als die Richter sich aufgrund einer ausgerechnet aus Italien angestrengten Klage mit Kruzifixen beschäftigten und zu dem Schluss kamen: Die auf staatliche Anordnung hin aufgehängten Kreuze in Italiens Klassenzimmern verletzten das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder und die Religionsfreiheit der Schüler.

Nun mussten die Richter in zweiter Instanz über den Fall urteilen - der italienische Staat war in Berufung gegangen - und kamen zu einem ganz anderen Schluss: Das Kreuz darf bleiben, da es sowohl als religiöses als auch kulturelles Symbol zu sehen ist. Gut so, denn schließlich und endlich hat die europäische Kultur ihre Wurzeln im Christentum. Mit einem Kreuzzug gegen andere Glaubensvorstellungen hat es also mitnichten zu tun.

Den Kurswechsel bewirkt hat wohl ein jüdischer Rechtsprofessor aus den USA. Bei der neuerlichen Anhörung des Falls im vergangenen Jahr empfahl er den Richtern, die Entscheidung über Kruzifixe, christliche Traditionen und andere sensible Glaubensfragen den Regierungen der Mitgliedsländer - von Albanien bis Zypern - zu überlassen. Genau das hat der Gerichtshof getan und damit ein langjähriges Streitthema aus der Welt geschafft. Die jetzige Entscheidung der europäischen Richter ist bindend, eine Berufung dagegen ist nicht möglich.

@angelika.duerbaum@op-online.de

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