Krise außer Kontrolle

Wie ätzende Säure frisst sich die Griechenlandkrise voran. Der Rettungskandidat streikt. Premier Papandreou droht der Sturz. Die Kurse von Staatsanleihen der Schuldenländer fallen ins Bodenlose.

Die Ratingagentur Moody’s stellt die Kreditwürdigkeit französischer Banken in Frage. Rettungspaket reiht sich an Rettungspaket. Die Märkte spekulieren mit täglich größeren Einsätzen auf den Kollaps der Eurozone. Doch die Euro-Retter machen eiskalt weiter. Wie Pokerspieler, die nach jeder verlorenen Wette den Einsatz verdoppeln. Schon fordert der niederländische EZB-Rat Nout Wellink, eine der einflussreichen Stimmen in der Euro-Notenbank, eine Ausweitung des Rettungsschirms auf galaktische 1,5 Billionen (1 500 000 000 000) Euro. Das kann gutgehen. Oder auch nicht. Dann säße allein der europäische Hauptfinanzier Deutschland auf zusätzlichen Schulden von 400 Milliarden Euro.

Der stupide Automatismus immer neuer Milliarden-Hundertschaften, mit dem Europas Staatenlenker jeden neuen Fehlschlag beantworten – und bislang ist die sogenannte Euro-Rettung eine einzige Abfolge von Fehlschlägen – macht Schaudern. Er folgt dem von EU-Chef Barroso formulierten Dogma von der Unsinkbarkeit der Eurozone: „Der Euro wird verteidigt. Koste es, was es wolle.“ Was die Regierungschefs wissen, aber nicht zuzugeben wagen: Die Krise ist außer Kontrolle. In Griechenland ist die Demokratie abgeschafft, das Volk droht mit dem Sturm des Parlaments. Es regiert die Troika aus EU, IWF und EZB, der aber der Athener Vollstrecker abhanden zu kommen droht. Eine Machtübernahme der halbseidenen konservativen Opposition, die das Land einst in den Ruin trieb und nun den Sparkurs aufkündigen will, könnte das Ende aller Bemühungen bedeuten. Deshalb jagt ein Krisentreffen das andere: Heute trifft Merkel Sarkozy, am Sonntag stellt Papandreou die Vertrauensfrage, während die EU-Finanzminister einen weiteren verzweifelten Anlauf unternehmen, ihr Paket zu schnüren.

Leider machen historische Erfahrungen wenig Mut: Das Bretton-Woods-System fester Wechselkurse konnte einst ebenso wenig gegen die Spekulation der Märkte verteidigt werden wie das britische Pfund im Europäischen Währungssystem. Dem Euro wird es am Ende nicht anders ergehen. Es ist Zeit, den Einsatz vom Tisch zu nehmen und nach neuen Auswegen zu suchen – bevor eine Krise, die ganz klein in Hellas begann, Europa und unseren Wohlstand verzehrt.

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