Lange Zeit geschlafen

Studie zur Integration

inigen Zündstoff birgt die Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Untersuchung, die Zuwanderergruppen in Deutschland vergleicht, kommt zu dem Schluss, dass türkische Migranten mit Abstand am schlechtesten integriert sind. Das ist für sich genommen vielleicht nicht sonderlich überraschend, Einzelbefunde machen erst die Dramatik deutlich: 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen haben demnach keinen Schulabschluss, vom Erwerbsleben sind viele abgekoppelt, nur ein Drittel besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Und da sie unter ihresgleichen bleiben, sich in ethnisch homogenen Stadtvierteln zusammenfinden und in aller Regel Partnerschaften mit Menschen gleicher Herkunft eingehen, ist die Entwicklung einer Parallelgesellschaft vorgezeichnet.

Die Studie offenbart eklatante Versäumnisse - nicht nur bei den Betroffenen. Nach früherem Multi-Kulti-Gesäusel in linken Intellektuellen-Zirkeln wurde in Deutschland lange Zeit geschlafen, ehe die Eingliederung von Zuwanderern überhaupt als ein zentrales Problem ins öffentliche Bewusstsein rückte. Spät, viel zu spät hat die Politik sich dieses Themas angenommen, schließlich Integrationsgipfel organisiert und Beauftragte eingesetzt, als das Kind bereits in den Brunnen zu fallen drohte.

Akademische Debatten etwa um die Leitkultur helfen freilich nicht weiter. Klar ist nur, dass die Wege zur Eingliederung über die Sprache und die Schule laufen müssen - je früher, desto besser. Und deutlich wird nun auch, dass der Assimilationsdruck verstärkt werden muss, soll die Verselbständigung der türkischen Gemeinschaft nicht weiter voranschreiten.

Wenn sogar ihre junge Generation sich abschottet und die Chancen zurückweist, die ihr die Gesellschaft bietet, wächst ein enormes Konfliktpotenzial innerhalb verkrusteter Strukturen. Sie aufzuweichen, muss vorrangige Aufgabe der Politik sein - sonst steht es schlecht um die Zukunft.

kaiser@op-online.de

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