Langes Warten auf ein Gutachten

Fulda - Wer war schuld an dem schweren ICE-Unglück am Landrückentunnel bei Fulda vor einem Jahr? Im Visier der Ermittler steht nur noch die Deutsche Bahn. Ein seit langem mit Spannung erwartetes technisches Unfall-Gutachten des Eisenbahnbundesamtes soll Aufschluss darüber gegen, ob sich die Bahn strafbar gemacht hat.

Bei dem Tunnel-Unfall am 26. April 2008 waren 73 der 145 Fahrgäste verletzt worden, als der Zug in eine Schafherde raste und Dutzende der Tiere tötete. Der Tunnel war erst Wochen später wieder zweigleisig befahrbar. Es war eines der schwersten Schienen-Unglücke der jüngsten Vergangenheit in Deutschland.

An dem frühlingshaften Samstagabend war der ICE 885 von Hamburg nach München unterwegs gewesen und mit Tempo 220 am Nordportal zu Deutschlands längstem Eisenbahntunnel in die Schafherde gerast und teilweise entgleist. Die Wände des Tunnels verhinderten damals eine Katastrophe.

„In der Röhre war ein unglaublicher Qualm und Staub, ich dachte ich ersticke“, berichtete eine Frau, nachdem sie ins Freie gestolpert war. „Ich bin froh, dass ich lebe.“

Zu klären ist immer noch, ob der Bahn folgenschwere Fehler unterlaufen sind. Und: Wäre das Unglück zu verhindern gewesen? Unbeantwortet ist, was in der Betriebsleitzentrale in Frankfurt aus der Meldung eines Zugführers geworden ist, der kurz vor dem ICE Hamburg-München an dem Tunnel in entgegengesetzter Richtung mit einem Schaf kollidiert war. Ob bei der Kommunikation zwischen Lokführer und Notfallmanagement etwas schief gelaufen ist, wird untersucht.

Ungewiss ist, ob die Bahn ihrer „Unfallverhütungs- und Verkehrssicherungspflicht“ ausreichend nachgekommen ist. Erkenntnisse erhofft sich die Staatsanwaltschaft von sichergestellten, digitalen Aufnahmen des Funkverkehrs. Ein unbeteiligter Rechtsanwalt hatte Strafanzeige gegen Verantwortliche der Deutschen Bahn erstattet.

Bangen muss auch noch der Besitzer der Tiere, weil die Bahn eine Schadensersatzklage gegen ihn anstrengen könnte. „Wir wollen erst die Ermittlungsergebnisse abwarten“, sagte eine Bahn-Sprecherin. Strafrechtlich ist der Schäfer seit Mitte Februar aus dem Schneider. Die Staatsanwaltschaft befand, dass ihm keine Fahrlässigkeit vorgeworfen werden könne. Streunende Hunde hätten die Tiere wohl aufgeschreckt. Die Schafe seien dann in Panik ausgerissen und hätten sich zum Tunnelportal bewegt.

Im November 2008 war parallel zu den Nachforschungen der Staatsanwaltschaft ein Mängelbericht des Regierungspräsidiums Kassel bekanntgeworden. Darin wurden zahlreiche Defizite im Notfallmanagement der Bahn und diverse Sicherheitslücken aufgelistet. Eine Überwachungskamera im Tunnel etwa hätte den Unfall möglicherweise vermeiden können.

Die Bahn warf dem Regierungspräsidium „zahlreiche fachliche Fehler“ vor. Die Mängelliste sei „in weiten Teilen nicht nachvollziehbar“.

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