Kommentar: Zum Leben zu wenig

Man muss nicht zu den notorischen Kritikern des deutschen Bildungssystems gehören, um die Notwendigkeit zu erkennen: ein Fach, dass Schüler fit macht für das Leben außerhalb ihres Bildungsbiotops. Nennen wir es „Lebenskunde“. Auch Verbraucherministerin Ilse Aigner hat „gravierende Defizite“ ausgemacht, will aber kein eigenes Schulfach einfordern. Schade. Von Ralf Enders

Was ist ein Girokonto? Wie schließe ich einen vernünftigen Handyvertrag ab? Welche Versicherungen brauche ich in welcher Lebenslage? Welche Fallen lauern im Internet? Verträge und Rechtsaspekte rund um Job, Studium, eigene Wohnung, Ehe, Kinder kriegen und, und, und - Fragen über Fragen, von denen die Schüler bestenfalls nebenbei gehört haben, wenn sie in ein eigenständiges Leben entlassen werden.

Stattdessen wissen sie vielleicht noch etwas über die Elektrolyse von Kupferchlorid, die Wandervogel-Jugendbewegung im Kaiserreich oder den Bresenham-Algorithmus. Alles wichtig und gut zu wissen, aber was nützt‘s, wenn die Welt um einen herum ein Rätsel ist?

„Ihr lernt nicht für die Schule - ihr lernt fürs Leben“, sagen viele Lehrer bei jeder Gelegenheit. Schön wär‘s. Und was die „Alten“ gerne vergessen: Kinder und Jugendliche müssen heute bedeutend mehr verarbeiten und einordnen als die Generationen vor ihnen. Das Leben ist nämlich in vielen Bereichen - etwa Finanzen oder Medien - ganz schön kompliziert geworden. Es sollte zu den vornehmsten Aufgaben von Schule gehören, junge Leute darauf vorzubereiten.

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