Der Schock der Moderne

Leitartikel zur Jahreswende

Was für eine verrückte Welt. Sie dreht sich immer schneller, wird komplizierter und komplexer. In dieser Hochgeschwindigkeitswelt werden Jahrzehnte geltende Lehrsätze von der technologischen Entwicklung und der digitalen Revolution geradezu im Vorbeigehen hinweggefegt. Von Frank Pröse

Es ist paradox: Wir wähnen uns in einer Wissensgesellschaft und haben keine Zeit zum Nachdenken! Google, Wikipedia & Co. sollen Orientierung geben. Wer schaut noch in den Brockhaus, geht in die Kirche? Wer ist noch imstande, die Welt zu erklären? Bei denen, die führen sollen, herrscht jedenfalls zumeist Rat- und Hilflosigkeit. Gegen die globale Unordnung scheint es keine brauchbaren Strategien zu geben. Alle fahren „auf Sicht“, wie es so schön heißt. Es wird bestenfalls reagiert, nicht agiert. Ansonsten: Schulterzucken, wenn eine der ältesten Demokratien sich in der Rechtfertigung von Folter versucht, wenn Syrien das eigene Volk bombardiert, wenn Russland souveränen Staaten droht, wenn Verbrecherorganisationen wie der „Islamische Staat“ Völkermord begehen. Hier wird mit Waffenlieferungen militärisch unter die Arme gegriffen, dort ringt man sich zu Sanktionen durch. Hier wie dort immer mit dem Gespür für das, was der Wirtschaft schaden könnte. Bis dahin und nicht weiter…

Apropos: Für Unternehmer und deren meist steuerlich begründete Sorgen lassen sich die sonst so wenig kreativen Politiker eher etwas einfallen. In Luxemburg haben sie sogar die Steuergesetze so manipuliert, dass Großunternehmen mithilfe Luxemburgs andere europäische Länder um viele Milliarden Euro Steuereinnahmen gebracht haben. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, an vorderster Front beteiligt, kann sich mit Hinweis auf die Rechtmäßigkeit der Gesetze im Amt halten. Komisch nur, dass diese in aller Heimlichkeit quasi in Hinterzimmern zusammengeschustert worden waren. Warum das, wenn es denn legal war? Nein, hier handelt es sich um regierungsamtlich genehmigten Diebstahl von Steuergeldern. Politik ist schon ein schmutziges Geschäft.

Während Big Data und künstliche Intelligenz die mitmenschlichen Beziehungen im Mikrokosmos fressen, gesellen sich zu ökonomischen und ökologischen politische Krisen, Unterdrückung, Terror und Krieg. Alles zusammen bedroht weltweit Errungenschaften aus besseren Zeiten. Bessere Zeiten? Geht es uns nicht besser als je zuvor? Das schon. Doch in der Ära der Globalisierung haben es pluralistische Gesellschaften schwer, den erreichten Wohlstand zu halten. Während der soziale Kitt bröckelt wächst das Unbehagen vor Ansteckung schon, wenn einer am anderen Ende der Welt hüstelt. Je mehr die Menschheit vernetzt ist, desto größer wird in einer fragmentierten Gesellschaft die Unübersichtlichkeit bis in den Nahbereich. Daraus wiederum erwachen Unsicherheit und Unbehagen, schließlich Kritik am System.

In Deutschland gehen die Orientierungssuchenden als Pegida auf die Straße. Offensichtlich sehnen sich viele der Protestler tradierte Werte zurück, als da beispielsweise wären: Heimat, Religion, Sprache, Familie, Sicherheit, Disziplin und die Bereitschaft zur und die Anerkennung von Leistung. Klar und berechenbar sollen die Lebensverhältnisse wieder werden - und für nicht wenige wichtig: Sie sollen von Fremden nicht gestört werden. Im Fluchtpunkt Deutschland trifft Nächstenliebe auf Neid und Moral auf Misstrauen. Selbstgerecht wird die Lebensleistung der Fremden mit der eigenen verglichen und in der Regel für schlechter befunden. Daraus speist sich die unsägliche Debatte über brauchbare und nicht brauchbare Migranten. Ist nur zu hoffen, dass die Brauchbaren unter denen, die sich vor Bürgerkriegen, Massakern oder Armut flüchten auch integrationswillig sind, oder? Dann erst passen sie ins Räderwerk, sind nützlich für Arbeitsmarkt und Sozialversicherung, rudern synchron mit im vollen Boot.

Bilder der Pegida-Demo in Dresden

15.000 Anhänger bei "Pegida"-Demo in Dresden

Nichts ist für Ewigkeiten in Stein gemeißelt. Nicht einmal die Rente. Die ist jetzt auch offiziell für unsicher erklärt worden. Die politische Spitze verweist auf die Notwendigkeit privater Vorsorge, die sich immer mehr Menschen gar nicht leisten können. Statt das System an die demografische Entwicklung anzupassen, werden mit Mütterrente und Rente mit 63 Wahlgeschenke gemacht, die die solidarische Versicherung zulasten nachfolgender Generationen weiter schwächen. Diese Politik ist verfehlt und führt in die Katastrophe, denn es droht eine Grundsicherung im Alter als Regelfall. Damit erledigte sich das System von selbst...

Es wäre die negative Art einer Zeitenwende, wie sie Finanzminister Wolfgang Schäuble mit seiner Schwarzen Null eingeläutet haben will. Mit dem angekündigten Verzicht auf neue Schulden soll den Jungen ein Übermaß an Belastung erspart bleiben. Diese Gleichung unter der Überschrift Generationengerechtigkeit wird jedoch nicht aufgehen, weil die Verstetigung dieser Etatpolitik in Zweifel zu ziehen ist und weil zudem dringend notwendige Investitionen aufgeschoben werden. Risiken wie Zinsentwicklung und immer höhere Sozialausgaben einmal außer Acht gelassen: Ein zukunftsgerichteter Staatshaushalt darf doch wohl nicht den Wohlstand abwürgen. Erst muss ernsthaft gespart und so mancher alter Zopf abgeschnitten, dann muss deutlich mehr Geld bereitgestellt werden für Infrastruktur, für Erziehung und Bildung, für Wissenschaft und Forschung. Sonst sind unsere Nachkommen chancenlos in einer Welt, in der Asien den Takt vorgibt und in der nur mit Erfindergeist und Produktivitätsvorsprung Paroli geboten werden kann.

Einer dieser Zukunftsmärkte ist die Künstliche Intelligenz, schließlich ist der Einsatzbereich für leistungsfähige Computer nahezu unbegrenzt. Hundertschaften von Wissenschaftlern forschen das menschliche Gehirn aus, haben jetzt sogar das Steuersystem für die Wahrnehmung gefunden und wissen doch lange nicht genug. Bei dem angeschlagenen Tempo werde Künstliche Intelligenz dem Gehirn bald überlegen sein, warnt Stephen Hawking. Wie in Goethes Zauberlehrling heißt also die Frage: Beherrschen wir die Geister noch, die wir gerufen haben? Oder beherrschen sie bald uns? Stehen Maschinen statt Chinesen vor der Weltherrschaft? Die Natur der Intelligenz zu entschlüsseln ist die eine Seite der Medaille, Computer mit diesem Wissen auch zu versorgen, sie also intelligent zu machen, die andere. Ob sich Wissenschaftler dieser Verantwortung stellen oder wie so oft die Politiker die Ökonomie entscheiden lassen, wird sich weisen.

Spätestens seit John Maynard Keynes wissen wir: Die Zukunft ist prinzipiell unsicher. Das gilt auch für 2015. Dagegen gibt es nur ein Rezept: Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen. Noch besteht Hoffnung.

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