Mehr als nur Charme

Alles ist anders als vorher - die Offenheit, das Auftreten, die Wortwahl und nicht zuletzt die Hautfarbe. Eine fast geniale Mitgift, die der erste farbige Präsident der USA perfekt genutzt hat: Nach nur 100 Tagen mit Barack Obama hat nahezu die gesamte Welt ein neues Bild von Amerika.

Diese Bilanz wäre unmöglich gewesen ohne den Vergleich zu seinem Vorgänger: Die Konsequenz, mit der George W. Bush Ruf und Ansehen seines Landes in den Augen der Welt demontierte, musste es jedem Nachfolger leicht machen, sich positiv davon abzusetzen.

Dabei beruht das hohe Ansehen des Barack Obama nach diesen ersten 100 Tagen zwangsläufig zumeist auf Vorschusslorbeer. Und die Prüfsteine für seine neue Politik liegen allesamt in der Zukunft. Die Wirkung der bisher größten und nicht unumstrittenen Konjunkturspritze in der US-Geschichte steht aus. Die groß angekündigte neue Klimapolitik stößt auf heftigen Widerstand der viel zu lange verwöhnten US-Industrie. Die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo auf Kuba ist angekündigt – für 2010. Und ausgerechnet das Verbot von Folter bei Verhören Terrorverdächtiger bewahrte den Präsidenten nicht vor dem ersten krassen Fehler: dem Schutz von Folterern aus Reihen der CIA vor Strafe.

Darüber hinaus stehen auf bemerkenswerte Offensiven die Antworten aus. Russland lässt zweifeln, ob es die zur Abrüstung ausgestreckte Hand annimmt; Irans Präsident weiß um das Angebot eines neuen Atom-Dialogs und provoziert lächelnd weiter.

Und dennoch: Glaubwürdiger als die meisten seiner Vorgänger hat Obama bewiesen, dass die USA zu neuen politischen Spielregeln bereit sind. Das ist mehr als nur eine Charme-Offensive. Doch bleibt der US-Präsident darauf angewiesen, globale Mitspieler zu finden, um aus einem starken Start eine Erfolgsgeschichte zu machen.

politik@op-online.de

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