Das „Ehrenmord“-Urteil

Kommentar: Mord - ohne Ehre

Es ist die Klarheit der Begründung und die Eindeutigkeit der Wortwahl, die das Urteil im Fall der 20-jährigen Kurdin Gülsüm zu einem tatsächlich wegweisenden Gerichtsspruch machen. In verabscheuungswürdiger patriarchalischer Verblendung hat ein Vater ein Todesurteil über seine eigene Tochter gefällt, seinen Sohn zum Vollstrecker gemacht und ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Von Manfred Brackelmann

Dies - auch wenn er weder Knüppel noch Ast selbst in die Hand nahm - wegen Mordes. Und dabei hat der Begriff „Ehre“ absolut nichts zu suchen.

Es ist die geistige Urheberschaft des Vaters, auf die das Gericht in diesem Fall erstmals ganz bewusst hingewiesen hat - ein Meilenstein im ungleichen Kampf gegen ein menschenverachtendes Phänomen, dem mit hiesigen Maßstäben nicht beizukommen ist.

Denn keine der rund 50 Frauen, die in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland Opfer eines sogenannten „Ehrenmordes“ wurden - schon als Begriff eine Perversion in sich - hatte auch nur einen Bruchteil jener oft jahrelangen unmenschlichen Behandlung verdient, an deren Ende die in den meisten Fällen grausame Hinrichtung durch die Hand eines oder mehrerer Mitglieder der eigenen Familie stand.

Das Aufbegehren gegen eine Familie, die nicht mehr Hort, sondern eher Gefängnis war; Widerstand gegen die Zwangsverheiratung mit einem Mann, den sie nicht auch nur einmal im Leben gesehen hatten - dies waren die häufigsten „Anklagepunkte“ gegen meist muslimische junge Frauen, die in einem von westlichen Normen geprägten Umfeld aufwuchsen, aber nie frei darin leben durften, wollten sie nicht ihr Leben riskieren.

Das Urteil im Fall Gülsüm mag den Kreislauf der nicht selten sogar religiös begründeten familiären Unmenschlichkeit, die zu solchen Taten führt, nicht durchbrechen. Doch es kann sehr wohl als Signal dienen: für die Grenzen, die ein Rechtsstaat allen Menschen aufweisen muss, die in ihm leben. Und dies gerade dann, wenn sie einige seiner zentralen Grundwerte missachten.

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