Ägypten am Tag Eins nach der Ära Mubarak

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Der Tahrir-Platz: In der Nacht feierten die Menschen hier ausgelassen. Am Tag nach Mubaraks Rücktritt kehrt wieder Normalität ein.

Kairo - Am Tag eins nach dem Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Mubarak kehrt in Kairo allmählich wieder Normalität ein. Seite an Seite entfernten Soldaten und Anwohner Straßensperren und Betonblöcke am Tahrir-Platz. Doch anderswo brodelt es - vor allem in Algerien.

Aufbruchstimmung in Ägypten, Flüchtlings-Exodus aus Tunesien, ungewisse Stunden in Algerien: Nach dem historischen Wandel in Kairo blickt die Welt besorgt nach Algier. Dort versuchten Sicherheitskräfte am Samstag mit Gewalt, eine Demonstration von Regimegegnern zu verhindern. Polizisten prügelten mit Schlagstöcken auf Demonstranten ein. Zahlreiche Menschen, darunter auch Oppositionspolitiker, sollen festgenommen worden sein. In Tunesien, wo Außenminister Guido Westerwelle zu einem Besuch eintraf, ging der Exodus von Flüchtlingen Richtung Italien weiter. Auf der kleinen Insel Lampedusa droht inzwischen der Notstand. 

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Die algerische Staatsspitze hatte die Hauptstadt Algier bereits am Morgen komplett abriegeln lassen. Rund 30 000 Sicherheitskräfte sollen im Einsatz sein. Der Zugverkehr wurde ausgesetzt, zahlreiche Straßensperren behinderten den Verkehr, berichtete die Zeitung “El Watan“ im Internet. In vielen Stadtteilen seien gepanzerte Lastwagen und Geländewagen der Sicherheitskräfte aufgefahren. Die Regimegegner fordern den Rücktritt des autoritären Präsidenten Abdelaziz Bouteflika und einen demokratischen Wandel. Regimefreundliche Gegendemonstranten provozierten die Oppositionellen mit Pro-Bouteflika-Rufen.

Beflügelt von den Ereignissen in Tunis und Kairo ist in Algerien der Zorn gegen die Herrschaft Bouteflikas in den vergangen Wochen immer weiter angewachsen. Zahlreiche Menschen im Land sehnen sich nach besseren Lebensverhältnissen, nach mehr Demokratie und Chancengleichheit. Zu der nicht genehmigten Demonstration hatte ein Bündnis von Oppositionsvertretern aufgerufen.

Die Uni-Klinik Heidelberg hat indessen keine Hinweise, dass der gestürzte ägyptische Präsident Husni Mubarak dort einen Aufenthalt plant. Zuletzt waren Gerüchte aufgekommen, Mubarak könnte nach Heidelberg kommen. Der 82-Jährige, der sich gegenwärtig in seiner Ferienvilla im Sinai-Badeort Scharm el Scheich aufhält, hatte sich 2010 in der Uni-Klinik behandeln lassen.

Millionen Menschen feierten überall in Ägypten bis in die Morgenstunden den Abschied Mubaraks von der Macht. Der Staatschef hatte die Amtsgeschäfte an das Oberkommando der ägyptischen Streitkräfte übergeben. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo waren am Morgen noch immer Tausende Menschen. Kurzzeitig wurde die Stimmung besinnlich, als die Demonstranten gemeinsam auf dem Platz beteten. Es sei ein feierlicher Moment gewesen, sagte eine Korrespondentin des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira.

Viele Demonstranten sagten, sie erwarteten nun klare Aussagen von der Militärführung. Diese müssten Aufschluss über einen konkreten Fahrplan zu fairen und demokratischen Wahlen und zur Übergabe der Macht an eine künftige gewählte Regierung geben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht Parallelen zwischen der Demokratiebewegung in Ägypten und Tunesien sowie der europäischen Entwicklung vor gut 20 Jahren. “Die Menschen stehen auf - und das nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Das ist eine sehr schöne Erfahrung“, sagte Merkel in ihrem am Samstag veröffentlichten Internetpodcast. Es gebe allerdings Unterschiede zwischen den europäischen und den arabischen Gesellschaften. “Und deshalb müssen die Menschen in diesen Ländern auch selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen.“

US-Präsident Barack Obama sagte: “Dies ist kein Ende, das ist ein Anfang.“ Es stünden sicher schwierige Tage bevor. Er rief das ägyptische Militär auf, die Rechte des Volkes zu achten. Er forderte die Aufhebung des Ausnahmezustandes sowie Verfassungsänderungen, die den Weg zu freien und fairen Wahlen ebneten.

Nach Mubaraks Rücktritt hatte am Freitagabend der Oberste Militärrat unter dem bisherigen Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi die Macht übernommen. In einer Erklärung versicherte ein Sprecher des Militärrats im Fernsehen, das Militär werde den Willen des Volkes erfüllen.

Kremlchef Dmitri Medwedew rief die Ägypter zu Frieden und Harmonie zwischen den Religionen auf. “Ein starkes demokratisches Ägypten ist ein wichtiger Faktor für den Friedensprozess im Nahen Osten“, sagte Medwedew.

Die Schweizerische Außenministerin Micheline Calmy-Rey sicherte die Unterstützung ihres Landes bei der Suche nach möglichen Konten mit veruntreuten Geldern aus Ägypten zu. “Die Schweiz will kein schmutziges Geld“, sagte die Politikerin dem Deutschlandradio Kultur. Nach Medienberichten soll der Mubarak-Clan mehr als 40 Milliarden Dollar angesammelt haben. Wie viel davon auf Schweizer Banken gelandet ist, war ungewiss.

Rund vier Wochen nach dem Sturz des tunesischen Machthabers Zine el Abidine Ben Ali traf Westerwelle zu einem eintägigen Aufenthalt in Tunis ein. Er sagte, es gehe nun darum, nach der sogenannten Jasmin-Revolution den Übergang zur Demokratie unumkehrbar zu machen.

Unterdessen reißt der Flüchtlingsstrom aus dem nordafrikanischen Unruheland nach Italien nicht ab. Binnen zwei Tagen erreichten mehr als 2000 Tunesier Lampedusa und müssen nun provisorisch untergebracht werden. Die Behörden sind überfordert, die Aufnahme- und Abschiebelager auf der kleinen Insel vor Monaten geschlossen worden. Innenminister Roberto Maroni warnte vor einem Notstand. Außenminister Franco Frattini verlangte rasche Maßnahmen der EU zur Bewältigung des Zustroms.

dpa

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