Genauer hinterfragen

Kommentar: Das Nachhilfe-Geschäft

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Peter Schulte-Holtey

Eine Branche erlebt goldene Zeiten: Für private Nachhilfestunden geben Eltern in Deutschland jedes Jahr 879 Millionen Euro aus. Von Peter Schulte-Holtey 

Pro Monat investieren sie für ihre Kinder durchschnittlich 87 Euro in zusätzliche Fördermaßnahmen, wie aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervorgeht. Ein Riesengeschäft, das genauer hinterfragt werden sollte. Eltern stehen heute unter erheblichem Druck; sie wollen ihren Kindern die bestmögliche Bildung – sprich das Abitur – mit auf den Lebensweg geben. Der Wille zum Lernen sollte dabei aber nicht nur einseitig von den Eltern kommen, auch das Kind sollte bereit sein, zu lernen. Und es ist sinnvoll, sich zu fragen, ob der Preis in manchen Fällen nicht zu hoch ist. Die Erfahrung von vielen Pädagogen zeigt ja, dass die schulischen Miseren oftmals schlicht mit der Wahl der falschen Schulform zusammenhängen. So sehnen sich einige Eltern gar nach einem „Nürnberger Trichter“ für ihre Kinder – jener mechanischen Weise des Lernens und Lehrens, bei der sich Schüler fast ohne Aufwand und Anstrengung Lerninhalte aneignen und andererseits ein Lehrer auch dem vielleicht nur in bestimmten Bereichen besonders begabtem Kind alles beibringen kann. Das kann nicht gut gehen, potenziert Schwierigkeiten in der Erziehung und in der Schule.

Auch für die Bildungspolitik ist der Nachhilfeboom immer wieder eine Herausforderung. Der Forscher Klaus Hurrelmann sieht in den kommerziellen Einrichtungen gar einen dritten Schultyp neben öffentlich-rechtlichen und privaten Schulen, die in einem Punkt sogar vorbildlich sind: Im Gegensatz zu den öffentlichen Schulen machen die seriösen Institute eine präzise Lernbestandsaufnahme, fragen jeden Neuling, wo es klemmt. Viele Lehrer und Eltern werden bestätigen, dass die privaten Institute Lücken des Bildungssystems ausfüllen können. Denn Lehrern fehlt ja oft die Zeit, sich um schwächere Schüler ausreichend zu kümmern. So unterstreicht die aktuelle Studie auch die große Hoffnung auf mehr Chancengleichheit, die mit dem Ausbau von Ganztagsschulen verbunden ist. Sie bieten bessere Möglichkeiten für zusätzliche und individuelle Förderung – vor allem für diejenigen, die sich teure Nachhilfe nicht leisten können.

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