Kommentar: Ernsthafte Krankheit

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Peter Schulte-Holtey

An diesem Wochenende werden sie wieder im Mittelpunkt des Interesses stehen, unter anderem bei den Wahlen in Offenbach und Berlin: die Nichtwähler. Von Peter Schulte-Holtey

Sie sind unscheinbar, denn die „heimlichen Sieger“ vieler Wahlen lassen sich ja am Sonntagabend bei keiner Partei-Party oder Talk-Runde blicken. Erstaunlicher Weise ist ihr konkretes Anliegen auch Politikwissenschaftlern noch weitgehend unbekannt, genaue Studien fehlen.

Nur eines ist gewiss, sSie wollen nicht mitreden. Interessant ist dabei: Erste Untersuchungen belegen, dass die Nichtwähler keinesfalls die Ungebildeteten und Unpolitischen sind, denen die Gesellschaft gleichgültig ist.

Zudem steht fest, dass ihr Verhalten nicht harmlos ist. Und denjenigen, die erwägen, sich morgen dieser Gruppe anzuschließen, kann man nur zurufen: Wollt ihr wirklich eine der ernsthaftesten Krankheiten, an denen unsere Demokratie leidet, verschlimmern?! Es ist doch so: Wer als Bürger meint, er strafe irgendwen damit ab, indem er nicht zu Wahl geht, irrt gewaltig! Die „Verweigerer“ sollten sich fragen, warum soviel Macht einfach verschenkt werden soll? Und wie bewerten sie ihr Verhalten, wenn man bedenkt, dass es viele Länder weltweit gibt, wo die Menschen nur an einer Stelle ein Kreuz machen können?

Und jeder, der jetzt vehement Politikerschelte betreibt (und seine Nichtwahl damit begründet), sollte bedenken, dass Kandidaten und Volksvertreter zweifelsohne gefordert werden müssen; zugleich sollte man aber ehrlich sein - und eigenes Verhalten reflektieren. So wünschen sich die Bürger, sagen sie, von den Politikern ehrliche Aussagen, wie es in der Krise weitergehen soll. Kommt man ihnen dann aber, wie es derzeit in den hoch verschuldeten Städten nötig wäre, mit Blut-, Schweiß- und Tränenreden, dann gewinnt man nicht Vertrauen, sondern verliert Unterstützung, also Wählerstimmen.

Wer ehrlich ist, der wird schnell feststellen, dass inzwischen kaum eine politische Frage ein einfaches Ja oder Nein zulässt. Vielfach muss um die beste Lösung gerungen werden. Genau das geschieht - in Berlin, in Offenbach.Dies sollte honoriert werden - durch den Gang zur Wahl. Es geht dabei um Mut zur Mitwirkung am Gemeinwesen.

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