Kommentar: Note sechs. Setzen!

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Ines Pohl

Ganz grundsätzlich ist es eine gute Idee, Männer und Frauen aus der Praxis in die Schulen zu schicken. Zwangsläufig sind sie einfach näher dran am Markt und an den aktuellen Entwicklungen. Und etwas frischer Wind schadet auch keinem Lehrerzimmer. Von Ines Pohl

Dieser Vorstoß von Bildungsministerin Annette Schavan ist aber mindestens zu kurz gedacht. Wer für zwei, drei Stunden die Woche in einer Schule unterrichtet, kann es selbst bei einer hohen pädagogischen Begabung nicht schaffen, eine tragende Säule im System zu werden. Und wer glaubt, dass aktuelles Fachwissen ausreicht, um ein guter Lehrer zu sein, der sollte sich einfach mal für ein vierwöchiges Schulpraktikum anmelden. Spätestens nach der ersten Woche ist klar, wie schwer es ist, als Lehrer den Schulalltag zu bestehen. Selbst an gut geführten Gymnasien. Von sogenannten Problemschulen ganz zu schweigen. Praktiker einfach nur so an die Tafel zu stellen, damit der Platz besetzt ist, das kann nicht funktionieren.

Allen Beteuerungen zum Trotz zeigt der Vorstoß, dass selbst die Bildungsministerin das Thema Lehrermangel nicht wirklich ernst nimmt. Und dabei ist es nicht vom Himmel gefallen. In kaum einem anderen Bereich lässt sich die Entwicklung so genau vorherzeichnen wie in diesem. Vor zwölf Jahren war genau klar, wie viele Schüler heute zwölf Jahre alt sind. Ähnlich verhält es sich mit der Pensionierungswelle, die die Politik unvermittelt wie ein Tsunami zu treffen scheint. Man wusste ziemlich genau, wie viele Lehrer in den kommenden Jahren in den Ruhestand entlassen werden.

Das Grundproblem ist die miserable Personalplanung und die verheerende Wertschätzung, die Lehrern in der Öffentlichkeit zuteil wird. Der Vorstoß Schavans tut sein Übriges, um einmal mehr zu vermitteln, „Lehrer, das kann jeder“.

Note sechs. Setzen! Das möchte man in Richtung Bildungsministerium rufen. Erstaunlich, dass die Kanzlerin, die sich der Bildung doch so verschrieben hat, solche Vorschläge duldet. So macht man wahrlich keine Lust auf einen Beruf, der zu einem der wichtigsten und schwierigsten in unserem Land gehört.

politik@op-online.de

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