Enttäuschte Liebe

Kommentar: Obamas Niederlage

Die krachende Niederlage seiner demokratischen Partei bei den Kongresswahlen darf sich Präsident Obama selbst ans Revers heften: Es ist ein Fall von enttäuschter Liebe. Von Lorenz von Stackelberg

Der erste Schwarze im Weißen Haus, der 2008 mit dem eindringlich vorgetragenen Versprechen angetreten war, Amerika zu verändern, ist seinem selbstgestellten Anspruch in keinster Weise gerecht geworden. Dafür haben ihn die zutiefst verbitterten Wähler jetzt zu einem handlichen Etwas verschnürt, das mit dem sprichwörtlichen Bild der „lahmen Ente“ nur unzureichend beschrieben ist.

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In der Tat ist es lange her, dass dem Ex-Charismatiker etwas gelungen ist. Zwar erholt sich die Wirtschaft von Bankenpleiten und Weltfinanzkrise, die Arbeitslosigkeit sinkt, aber der Start der allgemeinen Krankenversicherung war ein Desaster, und die angekündigte Stärkung der Mittelklasse lässt auf sich warten. Außenpolitisch stolpert der Präsident zwischen Steinzeit-Dschihadisten, einer widerspenstigen israelischen Regierung und einem auftrumpfenden russischen Machtpolitiker von einem Minenfeld ins andere, während Guantanamo immer noch existiert und ein afrikanisches Virus die Gesundheitsbehörden blamiert. Angesichts dessen klingt das himmelstürmende „Yes, we can“ von einst längst nach Satire. Heute herrscht im Weißen Haus zumeist betretenes Schweigen.

Und Trost ist nicht in Sicht. Mag sein, dass frühere Präsidenten in ähnlich unkomfortabler Lage Wege fanden, mit einem gegnerischen Parlament zu kooperieren; diesmal sollte man sich da keine übertriebenen Hoffnungen machen. Die siegreichen Republikaner geraten zwar unter Druck, mitzugestalten statt nur zu blockieren, wollen sie sich Chancen auf einen Machtwechsel eröffnen. Sie haben sich allerdings derart zu Geiseln der obskuren Tea-Party gemacht, dass die traditionelle Kluft zwischen den beiden großen Lagern derzeit einer Schlucht gleicht. 2016 werden die Karten neu gemischt – bis dahin wird eine Welt voller krisenhafter Zuspitzungen mit einer Supermacht leben müssen, deren Anführer geradezu paralysiert erscheint.

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