Leerer Stuhl in Oslo

Kommentar: Pekings Imageschaden

Mit seinem außenpolitischen Amoklauf gegen die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Menschenrechtler Liu Xiaobo hat sich das kommunistische Regime in Peking einen gewaltigen Imageschaden zugefügt. Von Lorenz von Stackelberg

Selbst die Sowjetunion hat geschmeidiger auf die Auszeichnung des Dissidenten Andrej Sacharow reagiert. Hätten die roten Mandarine souverän das in ihren Augen böse Spiel des Osloer Komitees geduldet, wäre die internationale Öffentlichkeit nach ein paar Stunden zur Tagesordnung zurückgekehrt. Jetzt aber, nach einer Lawine verbaler Ausfälle und massiver Drohungen, fühlt sich die halbe Welt vor den Kopf gestoßen und fragt sich beunruhigt, welche Rolle dieses Regime, das derart ungeniert die große Keule vorzeigt, im Konzert der Mächte künftig zu spielen gedenkt. Keine sehr erfreuliche womöglich.

Das Verhalten der Pekinger Führung bei der Nobelpreisverleihung ist schließlich nur ein Mosaikstein unter vielen; der grobe Streit mit Japan über Rohstoffe und Territorialfragen zählt ebenso dazu wie der Langmut mit dem atomar bestückten „Kettenhund“ Nordkorea oder die Weigerung, dem iranischen Nuklearprogramm entschlossen Paroli zu bieten. Das alles fügt sich zum hässlichen Bild einer aufstrebenden Großmacht, die hinter ihrer atemberaubenden Glitzerfassade stur egoistische Interessen verfolgt, zwischenstaatliche Gepflogenheiten negiert und sich einer Weltordnung im Konsens verweigert. Offenbar wird Pekings Kurs von einer Riege von Hardlinern bestimmt, denen der wirtschaftliche Aufstieg des Riesenreichs zu Kopf steigt, die gleichzeitig aber von der Angst vor dem Zerfall des Systems derart zerfressen sind, dass sie alles, was nach knospender Demokratie aussieht, zertreten.

Erfreulicherweise haben sie sich jetzt ein Bein gestellt: Der leere Stuhl von Oslo wird Liu Xiaobo und seine Ideen von Freiheit und Menschenrechten nicht nur in aller Welt bekannt machen, sondern auch in China selbst.

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