Regierung fordert von Kirche Aufklärung des Missbrauchs

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Regionaldechant Propst Martin Tenge verliest am Sonntag (07.02.2010) in der Basilika in Hannover eine Erk lärung von Bischof Norbert Trelle zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater auch in Niedersachsen. Das Bistum rief weitere Geschädigte auf, sich zu melden.

Berlin - Nach dem Bekanntwerden immer neuer Fälle von sexuellem Missbrauch durch katholische Priester dringt die Bundesregierung auf lückenlose Aufklärung. Gefordert wird dazu auch ein "Runder Tisch".

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger schlug dazu im “Spiegel“ Ombudsleute und einen Runden Tisch aus Staats-, Kirchen- und Opfervertretern vor. Dies sei ein guter Weg, um Missbrauchsfälle aufzuklären und über Entschädigungen zu reden.

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen stellte derweil Reformen der Aus- und Fortbildung der Priester in Aussicht. Leutheusser-Schnarrenberger sagte dem Nachrichtenmagazin laut Vorabbericht vom Samstag: “Ich erwarte von der katholischen Kirche konkrete Festlegungen, welche Maßnahmen für eine lückenlose Aufklärung ergriffen werden.“

Gleichzeitig kritisierte die FDP-Politikerin den Augsburger Bischof Walter Mixa, der die “sogenannte sexuelle Revolution“ für den Missbrauch mitverantwortlich gemacht hatte. Es sei “wenig hilfreich, wenn sich einige Verantwortliche wie Mixa hinter polemischen Ausflüchten verstecken, statt zur Sachaufklärung beizutragen“, sagte die Bundesjustizministerin.

Währenddessen weitet sich der Skandal um Missbrauchsfälle aus den 60er, 70er und 80er Jahren immer weiter aus. Mindestens sechs katholische Einrichtungen sind laut “Spiegel“ mit neuen Vorwürfen konfrontiert, darunter zwei ehemalige Heime der Salesianer Don Boscos in Augsburg und Berlin, wo drei Geistliche und ein Mitarbeiter Minderjährige missbraucht haben sollen.

Ebenfalls betroffen sein sollen ein ehemaliges Kinderheim der Vinzentinerinnen im oberschwäbischen Oggelsbeuren sowie das Maristen- Internat in Mindelheim (Bayern) und das frühere Franziskaner-Internat in Großkrotzenburg bei Hanau.

Missbrauchsvorwürfe gibt es demnach auch gegen frühere Mitarbeiter des Franz-Sales-Hauses in Essen, einer Behinderten-Einrichtung. Der heutige Leiter der Institution sagte dem “Spiegel“, er wolle “ohne Rücksicht auf das Image der Einrichtung“ für Aufklärung sorgen.

“Missbrauch in einem erschreckenden Maße“

Erzbischof Thissen sagte der “Frankfurter Rundschau“, der Umgang der Geistlichen mit ihrer Sexualität müsse noch intensiver als bisher zur Sprache kommen. Er sei “jedem dankbar“, der sich offenbare.

Auf die Frage, ob es sich bei den Vergehen nur um individuelles Versagen Einzelner handele, sprach Thissen von einem “Strukturproblem“. Er räumte “in unseren Reihen sexuellen Missbrauch in einem erschreckenden Maße“ ein, “das wir nicht für möglich gehalten hätten“.

Die Kirche könne jetzt mit aktiver Aufklärung eine Vorreiterrolle einnehmen. Mit ihren Leitlinien aus dem Jahr 2002 hätten die Bischöfe “dazu beigetragen, Tabus zu brechen und die Opfer zu ermutigen, sich zu melden“, sagte Thissen weiter.

Er regte an, die Handlungsanweisungen des Papiers noch konkreter zu fassen als bisher. “Insgesamt glaube ich, an drei Punkten kommt kein Bistum vorbei: 1. Der Bischof muss jeden Fall zur Chefsache machen. 2. Lückenlose Aufklärung. 3. Sorge für die Opfer.“ Zur Möglichkeit einer erneuten seelsorgerlichen Verwendung von Priestern, die Kinder missbraucht haben, sagte Thissen: “Im Zweifelsfall nein.“ Er begründete das damit, dass pädophile Neigungen häufig irreversibel seien.

apd

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