Das Massaker von Norwegen

Kommentar: Reiz von Angst und Schrecken

Kaltblütig hingerichtete Jugendliche und ein jubelnder Täter - nach dem Doppelanschlag mit mehr als 90 Toten ist die Welt wieder einmal fassungslos. Ein angeblich politisch motiviertes Massaker ausgerechnet in Norwegen, wo Mord nie Bestandteil des politischen Lebens war. Von Frank Pröse

Die böse Welt haben die Nordeuropäer bisher jenseits ihrer Grenzen vermutet. Umso größer ist jetzt der Schock.

Dass alle Welt zunächst einen islamistischen Anschlag vermutete, dafür gibt es ein Erklärungsmuster. So ist Europa auf neue islamistische Terroranschläge wie in Madrid 2004 und London 2005 eingestellt und verstandesmäßig vorbereitet. Im Reflex auf das Unfassbare hat man sich anfangs auf das vertraute Szenario gestützt und die Anschläge islamistischen Terrorgruppen zugeschrieben. Die müssen selbst schon gar keine Bomben mehr legen, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Medienmaschinerie, die bei Anschlägen immer heiß läuft, erledigt das beim Wettlauf um schnelle Antworten stellvertretend für El Kaida & Co. Auch wir waschen unsere Hände da nicht in Unschuld, weil wir dem Hinweis der Experten vertrauten, dass Norwegen wegen seiner Beteiligung an den Nato-Einsätzen in Afghanistan und Libyen wiederholt mit islamistischen Terrordrohungen konfrontiert wurde.

Doch Terror hat eben nicht nur islamistische Wurzeln. Der mutmaßliche Täter Anders B. wollte mit dem Massenmord offenbar ein Fanal gegen Islamismus und eine multikulturelle Gesellschaft setzen. Er hat es geschafft, das Grundvertrauen in die Schutzvorkehrungen der Zivilisation zu erschüttern und damit ein wesentliches Ziel des Terrorismus erreicht. Das Prinzip des islamistischen Terrorismus, möglichst viele unschuldige Menschen umzubringen, hat teuflische Maßstäbe der Aufmerksamkeitserregung gesetzt. Ähnliches gilt für spektakuläre Amokläufe. Das wiederum reizt potenzielle Täter, die in ihrem Wahn die Gewaltspirale immer weiter drehen. Für sie ist das Verbreiten von Angst und Schrecken ein Selbstzweck. Agieren sie dann noch als einsame Wölfe, dann ist der Sicherheitsapparat überfordert. Mit dieser Bedrohung wird die Gesellschaft leben müssen. Deshalb muss die gestern in großen Lettern gestellte Frage, ob ein solches Massaker in Deutschland auch passieren kann, leider mit „selbstverständlich“ beantwortet werden. Gegen verblendete Einzeltäter ist kein Kraut gewachsen. Das sieht auch Bundesinnenminister Friedrich so.

Eine offene Gesellschaft ist immer verwundbar. Diese Erkenntnis steht immer an dieser Stelle, wenn es gilt, Worte für die Unbegreiflichkeit solcher Blutbäder zu finden. Das ist gerade in so bitteren Stunden wenig tröstlich, lenkt aber den Blick darauf, dass Sicherheit und Frieden nicht selbstverständlich sind und die größte Gefahr aus der Mitte der Gesellschaft droht. Noch - und das wirkt etwas beruhigend - lassen sich Demokratie und Rechtsstaat von sinnlosen Anschlägen auf die Menschlichkeit in ihren Grundfesten nicht erschüttern.

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