Ein Landesvater wurde er nicht

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Am Dienstag nach Pfingsten erschien die Nachricht noch unglaublich, inzwischen hat sich Hessen, ja die Republik daran gewöhnt, dass er geht. Von Petra Wettlaufer-Pohl

Roland Koch, elf Jahre hessischer Ministerpräsident, davor eher belächelter CDU-Oppositionsführer, der 1999 wie Phönix aus der Asche nach einer zweifelhaften Wahlkampf-Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft die Vorherrschaft der SPD beendete und die Macht fortan mit viel politischer Finesse verteidigt hat.

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Das Bild vom eiskalten Machtpolitiker war schnell geboren, nachdem er gleich zu Beginn seiner Regierungszeit den CDU-Schwarzgeldskandal überstanden hatte, ein Skandal, den viele andere - Schuld hin oder her - politisch kaum überlebt hätten. Schadlos ist es auch ihm nicht gelungen, denn das Bild ist geblieben.

Der Ministerpräsident

Zum allseits geliebten Landesvater konnte es der heute gerade 52-Jährige daher nicht bringen. Und es ist auch nicht seine Art, den Kumpel-Typ zu geben. Distanziert bis zuweilen unsicher wirkend im direkten Kontakt, wärmt Koch keine Herzen. Dass er ein sogar amüsanter Gesprächspartner sein kann, wissen wenige, darunter durchaus auch die politischen Gegner. Sie wissen zudem, dass sie manche Schlagzeile zu ihren Gunsten dem teilweise sogar verhassten Polarisierer Koch verdanken. Der wusste immer, was er tat: „Um heute in Deutschland Nachdenklichkeit zu provozieren, muss man eine Menge Empörung organisieren“, sagt er am Ende seiner Amtszeit.

Der Leuchtturmbauer

Fast hilflos musste die Opposition auch zusehen, dass dieser Koch durchsetzte, was er sich einmal vorgenommen hatte. „Leuchttürme“ nannte er das dann und in diesen Tagen besucht er sie alle noch einmal: die nordhessische Region, deren wirtschaftlichen Aufschwung seine Regierungen ebenso gefördert haben wie kulturelle Einrichtungen, die privatisierten Unikliniken in Gießen und Marburg, mit Hightech ausgestattete Polizeibehörden und Schulen, in denen Kinder nicht nur aus Migrantenfamilien vor dem Schuleintritt Deutsch lernen. 50.000 Kinder wurden seit dem Jahr 2000 so gefördert, ein Beispiel für Integrationspolitik, auf das er sichtlich stolz ist.

Der Wirtschaftspolitiker

Und dann ist da natürlich noch der Frankfurter Flughafen. Die 2800 Meter lange, inzwischen betonierte neue Landebahn entlockt dem Politiker ein geradezu glückliches Lächeln, denn um sie hat er zehn Jahre lang gekämpft, gegen viele Widerstände und unter Bruch des Versprechens, ein Nachtflugverbot durchzusetzen. Ein Kampf, wie er heute zugibt, der sogar persönliche Freundschaften gefährdet habe. Doch selten wohl habe ein Ministerpräsident die Chance, direkten Einfluss auf die Schaffung von Zigtausenden von Arbeitsplätzen zu nehmen.

Ein anderes Unternehmen liegt ihm mindestens genauso am Herzen: die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach, die unter seiner Ägide im Aufsichtsrat gegen den Widerstand vieler Rheingauer Winzer einen hochmodernen Kellereineubau bekamen.

Der Bundespolitiker

Selbst wenn er Hessen - vielleicht nicht immer aus freien Stücken - treu geblieben ist: Roland Koch versteht sich bis zum letzten Tag auch als Bundespolitiker - und zwar mit mehr Einfluss als ein Berliner Kabinettsposten versprechen würde. Seit Jahren stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender hat er auch dort oft genug die Rolle des Provokateurs übernommen, auch in der Union selbst, die unter dem undeutlichen Kurs Angela Merkels leidet. In der Sache sind ihm Kompromisse keineswegs fremd, so erarbeitete er gemeinsam mit Peer Steinbrück (SPD) Konzepte zum Subventionsabbau.

Der Koalitionär

Was immer die Liberalen im Einzelnen von Koch halten mögen: in beiden Koalitionen hat er sich stets als verlässlicher Partner gezeigt. Öffentliche Diskussionen, wie sie seit Monaten das Berliner Bündnis beschädigen, sind in Hessen undenkbar. Die FDP hat ihn aber auch zwei Mal gerettet: in der Schwarzgeldaffäre stand Ruth Wagner zu ihm und 2009 ermöglichte erst der Wahlerfolg der Liberalen eine schwarz-gelbe Mehrheit.

Was er gerne verschweigt

Die Tatsache, dass das 60 Jahre alte Hessen seine Gesamtverschuldung in der Regierungszeit Koch von 22 Milliarden auf über 39 Milliarden Euro erhöht und damit fast verdoppelt hat, steht naturgemäß nicht im Zentrum der seit 1999 deutlich aufgeblähten Öffentlichkeitsarbeit der Regierung. Nun will sie mit der Schuldenbremse vorpreschen, die das Volk am 27. März 2011 in die Landesverfassung hieven soll. Ein Konzept für die Umsetzung hat Roland Koch nicht hinterlassen.

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