Kommentar: In schiefem Licht

Höchst problematisch an der Causa Sarrazin sind - da kann es keinen Zweifel geben - dessen Ausflüge ins pseudowissenschaftliche Nirwana: unerträgliche Einlassungen zur Genetik (auch wenn er sie später zu revidieren sucht), fragwürdige Statistiken Marke Eigenbau (als „Modellrechnungen“ ausgewiesen, gleichwohl den Anschein prognostischer Aussagen kalkulierend). Von Ulrich Kaiser

Bei den Thesen des begnadeten Provokateurs zu Parallelgesellschaften hält sich der Neuigkeitswert indes in Grenzen. Doch offenbart die damit losgetretene Debatte die ganze Misere einer halbherzigen und nicht zu Ende gedachten Integrationspolitik, die weit entfernt von ihrer öffentlichen Legitimation lediglich Überfremdungsängste schürt.

Integration ja - Assimilation nein: Diese Maxime in der politischen Orientierung konnte sich zäh behaupten, nachdem Deutschland lange Zeit eben nicht als Einwanderungsland betrachtet worden war. Sie ist aber schon deshalb verfehlt, weil sie auseinander  dividiert, was zusammengehört. Wie soll Integration denn gelingen ohne Assimilation, die ja bereits beim Erwerb der deutschen Sprache beginnt? Dass genau dies als Voraussetzung für die Einbindung in die aufnehmende Gesellschaft einzufordern ist, hat sich als zwingende Erkenntnis immerhin durchgesetzt. Ebenso wie die Einsicht, Zuwanderern die Akzeptanz des geltenden Wertekanons abverlangen zu müssen. Das ist längst nicht gleichbedeutend mit der Preisgabe kultureller Identitäten, wie sich in Staaten mit traditionell hoher Immigration beobachten lässt, die von vornherein die Weichen richtig gestellt haben.

Mangel an Seriösität

Man mag Sarrazin zugute halten, den Finger in eine Wunde gelegt zu haben - ob die Integrationsdebatte davon profitiert, steht auf einem anderen Blatt. Als kontraproduktiv erweisen könnte sich zumindest der Beifall aus der Ecke der Unverbesserlichen, die Wasser auf ihren Mühlen wähnen. Und anstatt den zielführenden Diskurs zu suchen, gefällt sich Sarrazin in der Rolle des groben Überzeichners, der auch vor Entgleisungen und Beleidigungen nicht zurückschreckt.

Darf er das? Als Autor vielleicht, der auf die Auflage seines Buches schielt - als Vorstandsmitglied der Bundesbank sicher nicht. Es geht es um Stilfragen und Mangel an Seriosität, aber keineswegs darum, unbequeme Meinungen zu vertreten. Dass die ach so unabhängige Notenbank allerdings nicht von sich aus handelte, sondern erst dem immer stärkeren Druck der Politik nachgab, rückt auch sie in ein schiefes Licht. Nicht einmal der Bundespräsident, der nun über die Personalie zu entscheiden hat, wollte im Vorfeld schweigen. Der Fall Sarrazin: ein Armutszeugnis für die politische Kultur.

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