Sein Geist ist nicht tot

Osama Bin Laden starb, wie er lebte: weithin unsichtbar, in einer Welt voll blutiger Gewalt.

Vor dem 11. September 2001 war der Araber der Weltöffentlichkeit unbekannt. Und danach hat ihn außer dem engsten Umfeld erst recht niemand mehr leibhaftig zu Gesicht bekommen – bis auf die amerikanischen Elitesoldaten, die das unsichtbare Leben jetzt beendeten und den Leichnam schnell im Meer verschwinden ließen. So bleiben von Osama Bin Laden nur wenige Bilder: ein bärtiges Gesicht vom Fahndungsplakat, ein paar unscharfe Videos mit Hasstiraden. Nicht viel Greifbares für einen Mann, der den Anfang des neuen Jahrtausends – der wachsenden globalen Medienfixiertheit zum Trotz – geprägt hat wie kein anderer.

Der Mann ist tot. Sein unsichtbarer Geist ist es nicht, noch lange nicht. El Kaida lebt vorerst weiter. Die Organisation war nie so stark auf diesen einen Anführer fokussiert wie der Hass der jetzt feiernden Amerikaner. Der Terror braucht keine streng organisierte Befehlskette. Das wird er die Welt spüren lassen, jetzt erst recht. Die spontanen, alkoholbeseelten Siegespartys in New York und Washington sind auch vor diesem Hintergrund schwer erträglich. Im Angesicht von Tod und Terror verbieten sich Jubel und Freudentaumel. US-Präsident Obama täte gut daran, die erste Euphorie zu dämpfen (auch wenn ihm der Tod des größten aller Staatsfeinde innenpolitisch stark nutzen wird).

Denn zumindest eines sollte mit dem Rest der Welt auch die einstige Führungsmacht aus dem zurückliegenden Jahrzehnt gelernt haben: Dieser Krieg geht vielleicht irgendwann zu Ende. Aber strahlende Sieger wird es niemals geben.

Natürlich ist das Ende der Ära bin Laden eine gute Nachricht. Hoffnung aber entsteht anders: wenn sich etwa im arabischen Raum neue, womöglich demokratischere Staatsformen bilden, die dem Terror dauerhaft den Boden entziehen können – bestenfalls mit tatkräftiger Hilfe der westlichen Welt. Erst wenn so etwas gelingt, gibt es wirklich Anlass zu einem befreiten, unbeschwerten Jubel.

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