Snowdens „Weihnachtsansprache“

Kommentar: Botschaft aus Moskau

Während Putin vor Olympia mit scheinbar nobler Geste Gnade walten lässt, verfolgt Obama den Whistleblower Snowden mit unnachgiebiger Härte. Das gibt kein gutes Bild ab. Von Georg Anastasiadis

Weihnachtsansprachen vom Petersplatz in Rom und aus dem festlich geschmückten Berliner Präsidenten-Schloss Bellevue kennen die Bundesbürger. An frohe Botschaften aus Moskau müssen sie sich erst noch gewöhnen. Dabei gab es heuer gleich zwei davon: erst die Freilassung von Russlands Staatsgefangenem Nummer eins, Michail Chodorkowski. Und dann, am ersten Weihnachtsfeiertag, die Fernsehbotschaft des amerikanischen Geheimdienst-Enthüllers Edward Snowden, der darin einen kleinen Sieg über Obamas Überwachungs-Paranoia feiert.

Zu den universellen und zeitlosen Botschaften des Papstes – Mitmenschlichkeit und Bewahrung der Schöpfung – hat sich in diesem Jahr damit ein anderer Weihnachtsappell gesellt, den der Westen ebenfalls nicht überhören sollte: Es geht um den Schutz der bürgerlichen Privatsphäre vor der Totalüberwachung durch einen allwissenden und allmächtigen Staat. Snowden hat sich darum stärker verdient gemacht als alle europäischen Regierungen zusammen.

Schon das war peinlich genug für Europas gewählte Führer. Deren größte Schande aber ist, dass Snowdens einsamer Ruf ausgerechnet aus Putins Schattenreich ertönt, ertönen muss. Und das liegt nicht am russischen Diktator. Nein: Derselbe Westen, der Russlands Dissidenten Chodorkowski so freudig den roten Teppich ausrollt, zwingt den eigenen Mann ins russische Exil – und macht ihn, der sich wie wenige andere um unsere Werte verdient gemacht hat, zur Trophäe des Zynikers Putin. Während der Moskauer Despot vor Olympia mit scheinbar nobler Geste Gnade walten lässt, verfolgt der US-Präsident den eigenen Dissidenten mit unnachgiebiger Härte. Das gibt kein gutes Bild ab. Und Europa? Kuscht. Soviel Scheinheiligkeit im Umgang mit kritischen Geistern kontrastiert schrill mit dem weihnachtlichen Glockenspiel, dem sich die freie Welt in diesen Tagen so wohlig hingibt.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare