Westerwelle und die FDP

Das Spiel ist aus

Macht fällt in der Politik nicht vom Himmel. Man muss sie sich erkämpfen, um einen Pakt auf Zeit mit ihr zu schmieden. Merkel schickte Kohl aufs Altenteil, Beckstein putschte (gegen anderslautende, neuerdings sogar in einem Buch festgehaltene Beteuerungen) gegen Stoiber, und auch Westerwelle, der sich jetzt so zäh wie verzweifelt gegen seine Entmachtung wehrt, trug nie Samthandschuhe. Um FDP-Chef zu werden, zermürbte er seinen Vorgänger Gerhardt, um es zu bleiben, rang er in einem Kampf auf Leben und (Frei-)Tod Jürgen Möllemann nieder. Zuletzt suchte er seine Wegbegleiter Brüderle und Homburger zu opfern, ein letzter, wenig ehrenwerter Versuch, sich selbst zu retten. Von Georg Anastasiadis

Nun ist das Spiel aus. Westerwelles Restlaufzeit bemisst sich in Tagen; seine Vertragsverlängerung über den Parteitag im Mai hinaus ist unvorstellbar. Andernfalls bräuchte die FDP zu den verbleibenden Wahlen in diesem Jahr gar nicht mehr anzutreten. Wie eine Bestie rast die Partei gegen den Mann, dem sie sich wie keinem anderen zuvor unterworfen hatte. Und auch im Fall Westerwelle gibt es eine Figur, die die Partei zur Härte gegen ihren taumelnden Chef antreibt: Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die in vielen Schlachten gestählte Truppenführerin der Bayern-FDP und Bürgerrechts-Ikone, die ihre Überzeugungen nie der Karriere opferte und dafür einst als Ministerin zurücktrat. Sie hat, jenseits bisweilen provozierender linksliberaler Prägungen, was Wähler an der Westerwelle-FDP so schmerzlich vermiss(t)en: Glaubwürdigkeit. Dagegen enttäuschten die fabelhaften Wester-Boys, die jetzt an die Führungsspitze streben. Lindner und Rösler hatten nicht den Mumm, ihrem Mentor zu sagen, dass seine Zeit abgelaufen ist. Es wäre konsequenter, würden die Liberalen jetzt die aus ganz anderem Holz geschnitzte 59-Jährige mit dem Parteivorsitz betrauen. Sie zu verhindern ist alles, was jetzt (vielleicht) noch in Westerwelles schwindender Macht liegt.

Der 32-jährige Lindner würde die FDP verjüngen, Frau Schnarrenberger aber könnte sie inhaltlich verbreitern und aus der tödlichen Klientel-Falle befreien, in die Westerwelle sie geführt hat. Er hat die FDP zur Geisel der Union gemacht und sie zur (Hotel-)Steuersenkungspartei degradiert. Das ist zu wenig, um in Deutschland über 5 Prozent zu kommen.

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