Spiel mit dem Feuer

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Das war kein Einstand nach Maß: Mario Draghi, der neue Präsident der Europäischen Zentralbank, sorgte gestern für reichlich Verwirrung in den Türmen Frankfurter Banken. Völlig überraschend senkten die Währungshüter in ihrer ersten Sitzung unter Leitung des Italieners den Leitzins im Euroraum. Begründet wird die Kehrtwende mit der zunehmend schlappen Konjunktur im von der Schuldenkrise gebeutelten Europa. Ein Fauxpas. Die EZB wechselt die Rollen mit der Politik und riskiert ihr höchstes Gut: die Glaubwürdigkeit. Zur bewährten Arbeitsteilung gehört, dass sich Regierungen ums Wachstum und die Zentralbank um die Preisstabilität kümmern - und nicht umgekehrt.

Zugegeben: Die EZB steckt in der Bredouille. Die OECD hat die Wachstumserwartungen fürs nächste Jahr in Europa massiv runtergeschraubt. Deshalb sehen es die Regierenden in den Hauptstädten sicherlich gerne, wenn die Währungshüter Unternehmen mit billigerem Geld versorgen. Auch droht mal wieder das Schreckgespenst einer Kreditklemme, die Firmen Finanzierungen erschweren könnte: Die Geschäftsbanken bunkerten in den vergangenen Tagen verstärkt Milliarden bei der EZB. Gleichzeitig haben aber unter anderem die hohen Energiekosten die Inflation auf eine Höhe von drei Prozent in Europa katapultiert - eigentlich müssten bei den Währungshütern, die bei zwei Prozent die zulässige Schwelle sehen, die Alarmglocken schrillen. Die Gelassenheit überrascht.

Mittlerweile gerät die Konjunktur in Europa wegen der Schuldenkrise immer mehr in Gefahr. Nun riskiert Draghi mit der Zinsentscheidung ein weiteres Ansteigen der Inflation und beschwört neue Ängste in der Bevölkerung hervor. Verweigert die den Konsum, könnte das Wachstum noch mehr leiden. Ein Spiel mit dem Feuer.

marc.kuhn@op-online.de

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