Kommentar: Kein Applaus

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Von Lorenz von Stackelberg

Die Berliner Koalitionäre können einem fast leid tun: Da lösen sie endlich mal ein Wahlversprechen ein, auch noch Steuersenkungen, treten erwartungsvoll vors Publikum – und dann rührt sich keine Hand zum Applaus.

Das liegt weniger daran, dass das „Geschenk“ mikroskopisch klein ausfällt und im übrigen durch Mehrbelastungen für die Pflege noch weiter reduziert werden dürfte, sondern vielmehr an dem Umstand, dass die meisten Menschen derzeit schlichtweg andere Sorgen haben.

Angesichts diverser heftig schwankender Schulden-Kartenhäuser in Deutschlands unmittelbarer Nachbarschaft blickt das Wahlvolk hypnotisiert auf das europäische Billionenspiel um die Euro-Rettung. Und vor diesem Katastrophen-Szenario wirken die Angst der FDP vor Gesichtsverlust und das Geschachere um Grundfreibeträge oder zusätzliche Sozialleistungen, bei dem womöglich auch noch die SPD als Spielverderber auftreten wird, auf viele Bürger wie ein grotesker Disput um die angemessene Pflege der Zimmerpflanzen in einem Haus, das in seinen Grundfesten bedroht ist. Den lustig sprudelnden Steuerquellen zum Trotz. Und ganz zu schweigen von der Frage, wie das Schwenken des sozialen Füllhorns hierzulande wohl bei jenen Nachbarn ankommen mag, die sich ob ihrer Haushaltspolitik schon mehrfach barsche Ermahnungen von der Kanzlerin anhören mussten.

Positiv anzumerken bleibt immerhin, dass Merkel, Rösler, Seehofer & Co. offenbar endlich erkannt haben, dass sie sich die liebgewordene gegenseitige Paralyse nicht mehr leisten können. Darf man zu hoffen wagen, dass sie sich doch noch zum Regieren durchringen werden?

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