Machtperspektiven

Kommentar: Stimmen und Stimmungen

Stimmungen sind keine Stimmen. Wäre es anders, dürfte sich die Republik schon jetzt auf den Bundeskanzler Jürgen Trittin und Vize-Kanzler Sigmar Gabriel gefasst machen, außerdem auf die grünen Ministerpräsidenten Margarete Bause in München und Winfried Kretschmann in Stuttgart. Von Georg Anastasiadis

Stimmungen sind flüchtig, aber manchmal verfestigen sie sich und lösen gewalttätige politische Kettenreaktionen aus - so wie es sich gerade in Baden-Württemberg anbahnt. Dort, an der Wiege von Schwarz-Gelb, steht Rot-Grün - besser gesagt Grün-Rot - vor einer historischen Machtübernahme.

Gewinnen Grüne und SPD das Referendum über Stuttgart 21 - nichts anderes ist die Landtagswahl im März - könnten die Ausläufer des dadurch ausgelösten Erdbebens nicht nur das Berliner Merkel-Regiment zu Fall bringen. Sondern kurioserweise auch das grün-rote Gespann Trittin/Gabriel seiner Machtperspektive berauben, weil dann ein womöglich Unbesiegbarer an Merkels Stelle das Ruder in der Koalition herumrisse.

Finden sich zwei, drei namhafte Rebellen?

Das klingt nach höherer politischer Mathematik, ist aber nur das kleine Einmaleins, das derzeit in CDU und CSU durchgerechnet wird. Alles steht und fällt mit der Frage, ob sich nach der erwarteten Niederlage der Union im Ländle, der Herzkammer der CDU, zwei, drei namhafte Rebellen finden, die die Malaise der Kanzlerin anlasten und die Rebellion gegen sie anführen. Viele in der Union sind mittlerweile überzeugt, dass die Bundestagswahl 2013 nur mit dem Kanzlerkandidaten Guttenberg noch zu gewinnen ist, eine dritte Spitzenkandidatur Merkels aber - ähnlich wie 1998 mit Helmut Kohl - in Tränen enden würde. Als sicher gilt, dass Merkel sich auch nach einem Stuttgarter Menetekel nicht in ihr Schicksal fügen würde.

Ihre Gefolgsleute sitzen an allen Hebeln der Macht in der CDU. Nur: Das dachte Edmund Stoiber 2007 auch. Bis die CSU ihren scheinbar übermächtigen Chef und Ministerpräsidenten binnen weniger Wochen zu Fall brachte. Eine Partei, deren Abgeordnete massenhaft um ihre Ämter bangen, ist zu allem fähig. Das weiß übrigens auch der hilflose Horst Seehofer. Seine einzige Hoffnung ist, dass Guttenberg lieber als Kanzler die Macht der Union in Berlin rettet denn als Ministerpräsident die der CSU in Bayern.

Rubriklistenbild: © op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare