Das war überflüssig

Das Wort des Tages kommt geradezu gnadenlos rüber: Stresstest. Wer sich einem solchen stellen muss, der muss ja schlaflose Nächte haben.

Stresstests suggerieren überdies auch ein ausgeklügeltes wissenschaftliches Verfahren, dem sich im aktuellen Fall die Betreiber von Atomkraftwerken stellen mussten. Dafür reichen selbstverständlich die veranschlagten paar Wochen nicht aus. Deshalb war die groß angekündigte Überprüfung deutscher Kernkraftwerke durch die Reaktorsicherheitskommission von Anfang an eine Mogelpackung. Das liegt einerseits an der gesunden Skepsis, die die Arbeit der nur vordergründig unabhängigen Mitglieder dieses Gremiums begleitete. Es liegt auch an der Erkenntnis, dass sich die Prüfer auf die schriftlichen Angaben der zu prüfenden Testkandidaten verlassen mussten. Die schleswig-holsteinische Atomaufsicht kritisiert denn auch, „dass zu einer Reihe von Fragen nur Einschätzungen der Betreiber selbst ohne die gewohnte Nachweistiefe“ vorlägen. Ein Gutachten ohne Tiefe! Das müsste den Experten die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Dass kein deutscher Meiler gegen den Absturz eines Verkehrsflugzeugs gewappnet ist, wissen wir seit der Studie unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2010. Der Allgemeinheit nicht so gegenwärtig ist, dass einige Reaktorhüllen nicht einmal ein abstürzendes Kleinflugzeug verkraften würden. Gleichwohl ist der argumentative Ritt auf den Absturzszenarien nur Showeinlage fürs breite Publikum. Das ist plakativ, das ist für Jedermann fassbar. Wichtiger, aber ausgeblendet blieb dafür der Versuch einer Beantwortung der seit Fukushima brisanten Frage, ob bei einer Kernschmelze verhindert werden kann, dass Radioaktivität massiv freigesetzt wird.

Was soll´s: Umweltminister Röttgen hat das Ergebnis erhalten, das er immer haben wollte: Er kann vier Altmeiler endgültig stilllegen und andere länger laufen lassen, denn insgesamt machen die Meiler ja einen „robusten“ Eindruck. Dafür hätte es aber nicht dieser „Stresstest“ genannten Mogelpackung bedurft. Wer den zu zwei Dritteln den großen Energieversorgern gehörenden TÜV Süd mit der Prüfung beauftragt, hätte sich sein Gutachten auch selbst schreiben können. Nun wird auf der Basis eines Persilscheins Handlungsfähigkeit demonstriert und unzulässigerweise suggeriert, die Kernkraft sei selbst während des kontrollierten Ausstiegs beherrschbar. Sie ist es nicht.

frank.proese@op-online.de

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