Zum Abschied Kochs

Kommentar: Ungeliebt, aber gut

Roland Koch verabschiedet sich aus der Politik. Zum Festakt im Schloss Biebrich werden heute auch Altkanzler Helmut Kohl und dessen Nachfolgerin Angela Merkel erscheinen und damit aller Welt noch einmal vor Augen führen, welcher Polit-Kategorie sich Roland Koch im Innersten zugehörig fühlt. Von Frank Pröse

Der Weg des machtbewussten Hessen führte konsequent nach oben, im Amt brachte ihn das auf den Sessel des Ministerpräsidenten, in der Partei bis zum CDU-Vize. Doch dann war Schluss. Angela Merkel verbaute dem neuen Helmut Kohl, dem Hoffnungsträger der Hardliner in der CDU, den Weg.

Die Abwehr des hessischen Konservativen hat die Kanzlerin freilich nicht allein ihrem taktischen Geschick zu verdanken. Sie hatte durchaus Mitstreiter, denen der krawallige Polit-Stil Kochs nicht passte. So nahm die Partei denn sogar Führungsschwäche und konservative Profillosigkeit ihrer Kanzlerin hin. Es ist eben auch Koch selbst, der sich auf dem Weg nach ganz oben ein Bein stellte, mit seiner forschen Art, politische Themen bis zur Schmerzgrenze polemisch-populistisch zuzuspitzen, mit seiner ab und zu sogar parteiintern brutal eingesetzten rhetorischen Überlegenheit. Seine grenzwertige Polemik gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, sein Lügengespinst rund um die „brutalstmögliche“ Aufklärung der CDU-Spendenaffäre haben Koch für alle sichtbar ins Wanken gebracht.

Gefallen ist er nicht, auch weil treue Vasallen wie der damalige Staatskanzleichef Franz Josef Jung die Kohlen für ihren Chef aus dem Feuer holten und dafür später als Verteidigungsminister an den Kabinettstisch von Angela Merkel bugsiert oder wie der Offenbacher Stefan Grüttner für dessen Krisenmanagement eben mit dem Chefposten in der Staatskanzlei belohnt wurden. Doch Koch war immerhin so angeschlagen, dass er für den CDU-Vorsitz nicht mehr infrage kam, als Wolfgang Schäuble im Schwarzgeldstrudel unterging. Auf einmal war Merkel da - und siegte.

Seither tröstet sich die westdeutsche Männerriege mit Vize- und Ministerpräsidenten-Posten. Einzig Koch, nach seinem Landtagswahlsieg 2003 im Zenit seiner Macht, durfte auf eine Kanzlerkandidatur hoffen. Eine Herzoperation ließ diese Träume dann aber platzen. Seitdem ging´s bergab. Die Wiederwahl zum Ministerpräsidenten 2008 war mit einer Watsche vom Wähler versehen. Dass Koch letztlich mit einem blauen Auge davonkam, hatte er der Harakiri-Politik seiner Widersacherin Andrea Ypsilanti zu verdanken. Aber der Ministerpräsident kam zuletzt eben nicht mehr an zumal ihm die Aura eines Landesvaters als Bonus fehlt.

Im eigenen Land nurmehr mangels Alternative gelitten, der Weg nach Berlin von Merkel versperrt, einen Haushalt vor Augen, der den Ministerpräsidenten zum Sachwalter von Schuldenbergen verpflichtet und nahezu jeden Gestaltungsspielraum nimmt - das macht amtsmüde. Aber es macht einen vom Schlage Kochs nicht mundtot. Er polterte gegen die Steuerpolitik der Regierung und konterkarierte mit seiner Forderung nach Haushaltskürzungen beim Bildungsetat schon mal die eigene Landespolitik, wonach Hessen zum Bildungsland Nummer 1 werden sollte.

Welche Richtung Koch in Hessen auch vorgeben wollte, eindeutig war seine Politik zuletzt nicht mehr. Schließlich sind ihm noch die Gegner abhanden gekommen, an denen er sich so hervorragend abzuarbeiten wusste. Da macht dann das Regieren für einen wie Koch keinen Spaß mehr. Das haben die Hessen gespürt. Sie haben seinen Amtsverzicht keineswegs so geschockt aufgenommen wie die politische Klasse. Sie verlieren keinen geliebten, aber einen alles in allem guten Ministerpräsidenten, der es einmal weit hätte bringen können, wenn er sich nicht auch selbst die Beine weggezogen hätte.

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