Kommentar: Unsicherheit aller Orten

Schrumpft die Wirtschaft um vier, fünf - oder gleich sieben Prozent? Die Volkswirte der Commerzbank rechnen jedenfalls mit erschreckenden Zahlen, die alle anderen ebenfalls pessimistischen Prognosen noch übertreffen. Mit sieben Prozent legen die Experten des Instituts die bisher pessimistischste Prognose für Deutschland vor. Von Frank Pröse

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beispielsweise hat seine Vorhersage auf minus vier bis minus fünf Prozent gesenkt und liegt damit auf Augenhöhe mit Deutsche-Bank-Chef Ackermann, der für seine Prognose vor allem seitens der Politiker noch als Panikmacher abgewatscht wurde.

Bei der Commerzbank heißt es nun: „Wir erleben keine traditionelle Rezession, sondern eine Unsicherheitsrezession. Die Weltwirtschaft steht unter einem Unsicherheitsschock.“ Auf dieser unsicheren Basis vollmundig schon ein „verlorenes Jahrzehnt“ für die maßgebenden Volkswirtschaften in Aussicht zu stellen, ist unredlich. „Prognosen haben die Unsicherheit nicht verursacht, sondern die Unsicherheit der Menschen spiegelt sich lediglich in ihnen wider“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer im Brustton voller Überzeugung. Doch wo war Krämers Warnung, bevor sich seine Bank mit der Übernahme der Dresdner Bank verhob? Auch dieser auf technische Analysen vertrauende Experte hat die Zeichen der Zeit in eigener Sache nicht richtig gedeutet und säße jetzt wahrscheinlich auf der Straße, hätten die Steuerzahler die Fehleinschätzung nicht mit Milliarden ausgebügelt. Warum sollte man ihm jetzt Glauben schenken?

Ja, fast alle Konjunkturindikatoren zeigen eine weitere Verschlechterung an. Zugegeben, die vorlaufenden Indikatoren wie der Auftragseingang signalisieren, dass die Schwächephase vorerst noch anhalten dürfte. Aber was unternehmen die Banken dagegen? Sie verweigern sich standhaft volkswirtschaftlichen Aufgaben, zu denen sie nicht zuletzt angesichts der öffentlichen Rettungsmilliarden verpflichtet wären. Ihre vornehme Zurückhaltung bei Kreditvergaben stabilisiert den Negativtrend und fördert allgemeine Unsicherheit und Pessimismus. Würden die Chefvolkswirte ihre Arbeitgeber hier zu einer Umkehr bewegen, brächte das der Volkswirtschaft mehr als der durch einzelne Indikatoren befeuerte Wettlauf um die pessimistischste Prognose, die angesichts der durch die Krise ohnehin erschütterten komplexen ökonomischen Zusammenhänge an Kaffeesatzleserei grenzt.

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