Kommentar zum Unterhaltsrecht

Fremde Eltern

In Deutschland müssen Verwandte in gerader Linie einander Unterhalt gewähren. Das heißt, Eltern müssen für Kinder aufkommen und Kinder für Eltern. Von Monika Reuter

In Deutschland müssen Verwandte in gerader Linie einander Unterhalt gewähren. Das heißt, Eltern müssen für Kinder aufkommen und Kinder für Eltern. Bei intakten Beziehungen und ausreichend Vermögen wird das auch kaum infrage gestellt. Problematisch wird die Sache aber, wenn der Kontakt völlig abgerissen ist. Das Kind wird trotzdem zur Kasse gebeten und muss für Heimkosten aufkommen. So urteilte jetzt der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Fall aus Bremen.

Die Entscheidung befremdet. Denn anders als Eltern, die ein Kind aktiv in die Welt setzen und damit lebenslang in der Verantwortung stehen, hat das Kind keinerlei Einfluss auf seine Erzeuger. Dass dies im Unterhaltsrecht kein Gewicht hat, ist eine gefühlte Gerechtigkeitslücke. Denn für einen emotional Fremden das Pflegeheim zu zahlen – im vorliegenden Fall wurde der Sohn sogar enterbt –, dürfte den meisten widerstreben.

Sicher muss das Sozialamt schauen, dass es nicht auf den Rechnungen des Pflegeheims sitzenbleibt, und gewiss gibt es auch Fälle, wo Angehörige versuchen, sich vor den Kosten für die mittellose Großmutter zu drücken – dennoch scheint die „schwere Verfehlung“, die allein den Unterhaltsanspruch verwirkt, ein dehnbarer Begriff.

Betroffen ist vor allem die „Sandwich-Generation“ zwischen 40 und 60. Sie muss die Ausbildung ihrer Kinder und die Pflege ihrer Eltern finanziell oft gleichzeitig stemmen. Auch wenn da Freibeträge dämpfend wirken, bleibt die Frage nach dem Kriterium, was Familie ausmacht: Biologie oder Sozialgemeinschaft.

leserbriefe@op-online.de

Rubriklistenbild: © p

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare