„ Verbraucher fühlen sich ernst genommen“

Offenbach - Das neue Internetportal „lebensmittelklarheit. de“ feiert Erfolge. Die Plattform der Verbraucherzentralen ermöglicht es Kunden, sich über die Kennzeichnung von Lebensmitteln oder über irreführende Produktaufmachungen zu beschweren. Von Peter Schulte-Holtey

„Verbraucher bedanken sich für die Chance, endlich ihre Meinung kundtun zu können“, berichtet Projektleiter Hartmut König von der Verbraucherzentrale Hessen. „Sie fühlen sich ernst genommen, indem ihre Belange öffentlich Gehör finden. “ Aber auch die Wirtschaft zeige sich meist kooperativ, so der Verbraucherschützer, der zu den Organisatoren der Plattform gehört. In der Regel würden Stellungnahmen fristgemäß geliefert. „Nachdem der erste Ansturm die Redaktion überrascht hat, haben wir inzwischen unseren Rhythmus gefunden. Es wird keine Beschwerde unbeantwortet bleiben. “ Viele Beschwerden betrafen Zutaten und Zusatzstoffe - also etwa das Versprechen „Ohne Geschmacksverstärker Glutamat“, obwohl ein anderer geschmacksverstärkender Stoff enthalten ist. Geändert hätten Firmen nach Beschwerden zu kleine Schriftgrößen.

Um den großen Ansturm zu bewältigen, hat das Bundesverbraucherministerium das Förderbudget um 200 000 Euro erhöht. Damit wurden die Serverkapazitäten verbessert und mehr Personal für eine schnellere Bearbeitung eingestellt. Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sprach gestern von einem wichtigen Diskussions- und Informationsportal, das auch die Unternehmen weiter sensibilisieren solle.

Fruchtabbildungen ohne Frucht in der Zutatenliste

Am häufigsten melden Verbraucher Produkte, deren Bewerbung und Aufmachung etwas vorgaukelt, was der Inhalt nicht halten kann: Fruchtabbildungen ohne Frucht in der Zutatenliste, „Joghurt mit Macadamianüssen“, der nur einem Hauch von Nuss enthält oder ein Sahnewunder mit verstecktem Alkoholanteil. Zudem ärgern sich Verbraucher über Herkunftsangaben, ohne dass klar wird, worin diese bestehen. Einige Firmen reagieren auf die Kritik: 27 Hersteller haben nach Angaben der Verbraucherschützer ihre Produkte infolge der Kundenmeldungen angepasst. Dabei geht es nicht nur um die Schriftgröße auf Verpackungen, sondern auch um die Rezeptur: So enthält ein Curry-Orangen-Ketchup künftig auch wirklich Orangenschalen oder eine Bananenschokolade tatsächlich Banane. Auch Wasabi-Erdnüsse werden demnächst wirklich Wasabi enthalten.

Darstellung von „anbieterneutralen Produkten“

Ein zentrales Element des Portals sei die Darstellung von sogenannten „anbieterneutralen Produkten“ in der Rubrik „Erlaubt!“ „Auch wenn Anbieter sich an rechtliche Kennzeichnungsvorschriften oder Vorgaben der Lebensmittelleitsätze halten, fühlen sich Verbraucher getäuscht“, heißt es: Auf Unverständnis stoßen u.a. Bayrischer Leberkäse ohne Leber oder niederländische Eier in deutschen Eierkartons. In der Rubrik sammelt das Portal erste Argumente, die durch Verbraucherforschung auf ihre Repräsentativität geprüft werden.

Erhärtet sich dann der Verdacht einer systematisch anderen Verbrauchererwartung, wird dieses Ergebnis an die zuständige Stelle, etwa an die Lebensmittelbuch-Kommission übermittelt. Die Verbraucherzentralen haben auf www.lebensmittelklarheit.de nachgefragt: In der Umfrage äußerte mehr als die Hälfte der 30 000 Teilnehmer die Erwartung, dass Kalbswiener aus 100 Prozent Kalbfleisch bestehen sollten. Über 90 Prozent wollten mehr als 50 Prozent Fleischanteil vom Kalb. „Tatsächlich aber sind in den meisten Produkten nicht mehr als die vorgeschriebenen 15 Prozent Kalbfleisch enthalten, so die Verbraucherschützer.

So funktioniert das Portal

So funktioniert das Portal: Verbraucher haben die Möglichkeit, Lebensmittel durch deren Etikettierung sie sich getäuscht fühlen, über einen Online-Fragebogen zu melden. Die Internetredaktion geht dann der Meldung nach, kauft das Produkt ein und prüft, ob die geäußerten Täuschungsaspekte nachvollziehbar sind. Wenn das der Fall ist, bekommt der Hersteller oder Anbieter (Handel) die Gelegenheit, sich innerhalb von sieben Tagen zu den Täuschungsaspekten zu äußern. Anschließend werden die anonymisierte Verbraucheranfrage, die Einschätzung der Verbraucherzentrale und die Antwort des Anbieters eingestellt. Fehlt bis dahin noch die Antwort des Anbieters, wird sie erst eingestellt, wenn sie eingegangen ist. Eingestellt sind bisher 72 Produkte von Apfelsaft bis Zwieback. Verbraucher melden aber nicht nur Produkte. Über das Expertenforum stellen sie Fragen über alles, was mit Lebensmitteln zusammenhängt.

Rubriklistenbild: © Pixelio.de/Marko Greitschus

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