Kommentar: Vorfreude auf die Nachfolge

Schon wieder ist ein Präsident zurückgetreten. Der zweite bereits in der Amtszeit Angela Merkels. Horst Köhler, der Seiteneinsteiger aus der Wirtschaft, warf nervenschwach regelrecht hin. Von Frank Pröse

Und der dem Parteienproporz entsprungene Christian Wulff war offensichtlich für das höchste deutsche Amt ungeeignet. Nach 598 Tagen im Schloss Bellevue hat ihn die Regierungszeit in Niedersachsen endgültig eingeholt. Denn darauf bezieht sich der Anfangsverdacht der ermittelnden Staatsanwaltschaft in Hannover.

Die Unschuldsvermutung muss selbstverständlich auch beim Bundespräsidenten gelten - aber was ist sie politisch wert? Wie hätte das Staatsoberhaupt während der hochnotpeinlichen Ermittlungen denn dieses höchste aller Ämter führen sollen? Selbst eine Einstellung des Verfahrens hätte Wulff nicht mehr retten können. Denn mit dem durch ewiges Taktieren und Verschleiern verbundenen Verlust seiner politischen Autorität hat er das Amt längst auf Null gewirtschaftet. Er hatte es nur nicht gemerkt oder im Sinne falsch verstandener Steherqualitäten nicht merken wollen.

Die Rücktrittserklärung hat dieses Elend der Republik noch einmal eindrücklich vor Augen geführt. Immerhin blieb Wulff sich treu - selbst diese Erklärung war seines Amtes unwürdig, offenbart sie doch ein hohes Maß an Uneinsichtigkeit nach dem Motto: Eigentlich müsste ich ja nicht zurücktreten. Damit haftet diesem angedachten Befreiungsschlag nach quälend langer Debatte über Anstand in der Politik der Makel einer letztlich erzwungenen Demission an.

Gibt es vielleicht doch Gewinner dieses unwürdigen, da nicht selbstbestimmten Rücktritts? Die Politik zählt jedenfalls nicht dazu, weil festgestellt werden muss, dass die im Juni 2010 hinsichtlich der Eignung Christian Wulffs für das höchste Amt geäußerten Befürchtungen bestätigt wurden. Das fördert Politik-Verdruss - nicht nur, weil parteipolitisches Kalkül über die Gewissensfreiheit der Mitglieder der Bundesversammlung gestellt wurde, sondern auch, weil diese Art der Auswahl ja offensichtlich nicht taugt.

Und Christian Wulff? Seine Karriere endet mit einem Debakel. Der Rücktritt lässt den Berufspolitiker so tief fallen wie kaum einen aktiven Politiker je zuvor. Das provoziert Mitleid. Auch wenn die Politik das nicht kennt, so ist doch festzuhalten, dass Wulff nur Präsident nicht konnte. Er ist kein Schwerverbrecher!

Bleibt das Volk, das gewinnen kann, weil es wenigstens die Chance auf einen würdigen Präsidenten oder eine überzeugende Präsidentin erhält. Dabei hat der Nachfolger, die Nachfolgerin das Problem, Vertrauen zurückgewinnen zu müssen. Aber er/sie hat auch die Chance, dieser Gesellschaft mehr Orientierung zu geben. Das fällt nach der Ära Wulff wiederum leicht.

Alle dürfen sich also auf den Neuen/die Neue freuen - zumal die Kanzlerin dieses Mal jemanden präsentieren will, der/die von einer breiten Mehrheit getragen wird. Einen Heiligenschein muss sich der Bewerber/die Bewerberin nicht zugelegt haben, eher ein gerüttelt Maß an Anstand, Verlässlichkeit und Geradlinigkeit; nicht zu vergessen: die Fähigkeit, Nähe zu suchen und Distanz zu wahren. Das langt schon, um Vertrauen zu gewinnen und als Vorbild zu taugen und sollte zu finden sein.

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