Wladimir Putin

Neue Art der Kriegsführung

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Große Inszenierungen scheitern oft an kleinen Patzern. Als der Lugansker Separatistenführer Waleri Bolotow vergangene Woche vor die Kameras tritt, läuft zunächst alles nach Plan: Mit starrer Miene erklärt der selbsternannte „Separatistenführer“, er werde der Aufforderung von Russlands Präsident Wladimir Putins nicht folgen, das Referendum über die Unabhängigkeit seiner Region zu verschieben. Von Boris Reitschuster

Doch dann verliert der bullige Mann die Konzentration - und verspricht sich: „Das Referendum wurde von mir angekündigt, bis jetzt gibt es keinen anderen Befehl, ähm, keine Weisung.“ Bolotow, der ausgerechnet hinter einem Stehpult mit dem ukrainischen Wappen auftritt, entlarvt damit Putins Bluff: Der Kreml-Chef zeigt sich gegenüber dem Westen als Feuerwehrmann, hinter den Kulissen erteilt er aber Befehle, den Brand weiter anzufachen. Schon in der Krim-Krise hatte der Ex-KGB-Offizier versichert, er plane keinen Anschluss der Halbinsel - zwei Wochen später erfolgte dieser. Auch das Referendum in Donezk und Lugansk ist offensichtlich ein neues Kapitel in einem Drehbuch des Kreml, mit dem sich Putin die Ostukraine sichern will. Die Separatisten haben dort rechtsfreie Räume errichtet - wer Kritik übt, muss um sein Leben fürchten.

Schon die Frage auf den Stimmzetteln ist schwammig formuliert: „Erkennen Sie die Unabhängigkeit der Volksrepublik Donbass an?“ Damit kann auch ein Freistaat innerhalb der Ukraine gemeint sein, etwa nach dem Vorbild Bayerns. Die Separatisten haben die Stimmen selbst ausgezählt, ohne Beobachter und Kontrolleure. Somit gilt die alte Stalin’sche Parole, dass nicht entscheidend ist, wie die Menschen abstimmen, sondern wer ihre Stimmen zählt. Die Spannungen in der Ostukraine sind künstlich erzeugt. Allein in der Donezk-Region lehnen nach aktuellen Umfragen satte 70 Prozent die Separatisten ab. „Die Menschen bei uns lebten immer friedlich zusammen, die angeblichen Probleme wurden erstmals 2004 im Wahlkampf erfunden“, erzählt eine Frau aus Donezk - damals vom pro-russischen Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch. „Da war ein Wahlkampf-Film zu sehen, in dem eine Lehrerin ein Kind nicht aufs Klo ließ. Und weil es kein Ukrainisch konnte, musste es in die Hose machen, das war die perfide Botschaft. Dabei gab es bei uns immer ein problemloses Miteinander der Sprachen.“ Jetzt aber würden Hass und Gewalt von außen in die Region getragen: „Das ist die alte sowjetische Methode, andere Länder unter Kontrolle zu bekommen.“

Handschrift Russlands klar zu erkennen

Tatsächlich ist die Handschrift Russlands und vor allem des KGB bei der Unabhängigkeitsbewegung klar zu erkennen - der ukrainische Geheimdienst enttarnte jüngst einen der Rebellenführer als Offizier des Militärgeheimdienstes aus Moskau. „Putin hat die Methoden Stalins verfeinert, es ist eine neue Art der Kriegsführung, bei der die meisten im Westen gar nicht merken, dass Krieg herrscht“, feixt ein Kreml-Insider. „Obama und seine Lakaien sind naiv, unserer Taktik nicht gewachsen!“

Um das Vorgehen des Kreml-Chefs in der Ukraine zu verstehen, ist ein Blick in seine Biographie nötig. Putin, der Enkel von Stalins Koch, wuchs in einem Leningrader Hinterhof auf - in der Gosse, wo Faustrecht herrschte. Das sei seine „Straßenuniversität“ gewesen, sagte er später. Seine Lehre fürs Leben: Nur der Starke hat Recht, Schwache werden verprügelt. Der schwächliche Bub stürzt sich in Schlägereien, auch gegen Stärkere: Er war „nicht kräftig, aber sehr frech“, erzählte mal eine Lehrerin über ihn. Er wollte immer beweisen, dass er anderen überlegen ist. Wladimir, den der Vater mit dem Gürtel züchtigt, versucht stark zu werden, lernt Judo, geht zum KGB. Der schickt ihn in die DDR, nach Dresden - in eine für ihn kleine, heile Welt. Bis Gorbatschow kommt und ihm alles nimmt: seinen Job, sein Ansehen, seine Sicherheit. Die Perestroika ist für Putin nicht Befreiung, sondern Katastrophe. Genauso die Demokratie, sie macht ihn arbeitslos. Doch er fängt sich wieder, wird oft „Mister Teflon“ genannt, weil nie etwas an ihm hängen bleibt.

Später, 1998, wird Putin Geheimdienstchef. Sein Markenzeichen: getarnte „Spezialaktionen“ und Provokationen - wie jetzt in der Ukraine. „Akribisch und skrupellos selbst für KGB-Verhältnisse“ sei er gewesen, sagte mal ein Rivale. Als ihn Boris Jelzin, das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt Russlands, am 31.12.1999 zum Präsidenten macht, ohne Wahlen wohlbemerkt, wird aus „Stasi“, so Putins Spitzname, schnell der „Retter des Vaterlandes“ - Terroranschläge mit mehr als 300 Toten kommen ihm dabei zugute. Kritiker glauben bis heute, hinter den Anschlägen habe der Geheimdienst gesteckt. Ehrliche Wahlen lässt Putin jedenfalls seither nicht mehr zu: Er schaltet Parlament, Justiz und Presse gleich. Er entmachtet die Oligarchen, ersetzt sie durch Geheimdienst-Genossen, die zu Milliardären werden. Sein Clan beherrscht inzwischen große Teile der russischen Wirtschaft; er hat einen Monopol-Kapitalismus geschaffen - ohne Konkurrenz, ohne soziale Rechte.

Mit den Protesten gegen die Wahlfälschungen im eigenen Land kommt 2011 seine alte Angst wieder hoch - vor einer „Wende“, das Dresdner Trauma ist zurück. Und die Revolution in Kiew - für ihn ein Werk der USA - lässt bei ihm endgültig alle Alarmglocken läuten. Putin hat einst das Ende der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Gorbatschow habe die Russen an den Westen verraten.

Putin strebt nach Revanche

Putin strebt nach Revanche: Er rüstet auf, um jeden Preis, weil er gelernt hat, dass nur Stärke zählt. Seit in Kiew die Regierung gestürzt ist, treibt ihn die Angst, heißt es aus dem Kreml: dass der „orange Virus“, wie sie die Demokratiebewegung in Moskau nennen, Russland infiziert. Und davor, dass er als der Präsident in die Geschichte eingeht, der die Ukraine für Russland verloren hat. Mit dem Anschluss der Krim hat Putin Stärke gezeigt. Gorbatschows Schmach ausgewetzt, von den sozialen Problemen abgelenkt, von der Willkür, der Korruption, die an seiner Beliebtheit zehrten.

Den Russen sagt er, sie seien das „Siegervolk“ - und in den Medien lässt er Kriegsstimmung verbreiten: Von Konzentrationslagern ist die Rede, die in der Ukraine mit EU-Geld gebaut werden. Die neue Regierung in Kiew wird abwechselnd als „jüdisch“ und „faschistisch“ beschimpft. Nach der Brand-Tragödie mit 46 Todesopfern in Odessa „riechen Obama und Merkel nach verbranntem Menschenfleisch“, hat jüngst die Zeitung „Iswestija“ geschrieben. Das Fernsehen berichtet von Todesangst - und Gewalt gegen Juden in der Ukraine. „Ich bin total geschockt von den unglaublichen Lügengeschichten“, klagt Schimon Priman von der Jüdischen Gemeinde Kiew.

Putin bekannte einst, dass Geheimdienstler ihre Zunge nicht hätten, um ihre Gedanken auszudrücken, sondern um sie zu verschleiern - und er macht keinen Hehl daraus, dass er sich immer noch als KGB-Mann sieht. Seit nunmehr 14 Jahren sagt der Kreml-Chef regelmäßig das Gegenteil von dem, was er tut. Und der Westen glaubt ihm stets aufs Neue, etwa wenn er immer wieder einen Truppenanzug von der ukrainischen Grenze ankündigt oder Bereitschaft zur Verhandlungslösung. Kreml-Kritiker sehen hinter den blutigen Ereignissen in Odessa und Mariupol Inszenierungen nach dem KGB-Handbuch: Putin tut alles, um die Lage in der Ukraine zu destabilisieren - de facto hat er den Osten des Landes in einen Bürgerkrieg gestürzt.

Die Kiewer Regierung ist ihm nicht gewachsen, verhält sich ungeschickt, lässt sich immer wieder in Fallen locken. Sie ist zu schwach, um im Osten für Ordnung zu sorgen, hat es versäumt, rechtzeitig Autonomie-Lösungen anzubieten. Die bisherigen Mini-Sanktionen des Westens waren in Putins Augen ein Zeichen der Schwäche. Die Botschaft, die bei ihm ankam: schnell handeln, solange Washington, EU und Nato keine Stärke zeigen.

Der Kreml-Chef lässt sich nun also erneut als Retter des Vaterlands feiern. Seine Medien schlagen nationalistische Parolen an: Vom „Endkampf“ ist die Rede, vom „dekadenten Westen“, von der Überlegenheit der Russen über andere Völker. „Zerstört den Westen“ - das ist das Credo seiner Hassprediger. Putin selbst hat in der Ostukraine dagegen auch pragmatische Ziele: In Dnipropetrowsk werden Interkontinental-Raketen für ihn gebaut, in Charkow die Lenksysteme für seine SS-25- und SS-19-Raketen, in Saporischschja Motoren für seine Flugzeuge und Helikopter, in Mikolajiw Getriebe für seine Kriegsschiffe, aus Schowty Wody bekommt er Uran. Ohne die Ostukraine kann er sein Hauptziel - Russland wieder stark zu machen - nicht erreichen. Wie weit er dabei gehen wird, zeigt seine Wortwahl: Kürzlich sprach er von „Neurussland“ - ein Begriff aus der Zarenzeit - für das Gebiet von der Ostukraine über Odessa bis in das heutige Moldawien.

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