Kommentar: Chance verpasst

+
Angelika Dürbaum

Nein, ein Befreiungsschlag sieht anders aus. Noch deutlicher als zuvor ist mit dem ebenso merk- wie denkwürdigen Fernsehinterview klar geworden: Christian Wulff ist seinem Amt als höchster Repräsentant des Landes nicht gewachsen. Von Angelika Dürbaum

Was ist das für ein Staatsoberhaupt, dem Nerven und Selbstkontrolle abhanden kommen wie bei seinem nunmehr bedauerten Anruf, wenn ein besonnenes und klares Wort gefragt ist? Wulff, der einen Großteil seiner 52 Lebensjahre in der Politik verbracht hat, spricht viel und mitleidsheischend von Lernprozessen. Muss er die auch erst durchlaufen, wenn es tatsächlich einmal um Fragen von nationaler Tragweite gehen sollte?

Der Niedersachse zeigt sich reumütig und gibt Fehler zu. Zum wievielten Mal eigentlich? Zugleich sieht er aber nichts Fehlerhaftes in Gratisurlauben bei Freunden oder zinsgünstigen Krediten. Er schiebt das Wohlergehen von Freunden und Familie vor. Das ist menschlich verständlich. Was Wulff aber völlig verkennt: Ein Mann, der ein öffentliches Amt bekleidet, noch dazu das höchste, das in diesem Land vergeben werden kann, muss mit anderen moralischen Maßstäben gemessen werden als Otto-Normalbürger. Glaubwürdigkeit, Transparenz, Integrität - das sind Begriffe, die sich mit dem Amt des Bundespräsidenten verbinden, allerdings nicht mehr mit der Person Wulff. Daran hat auch der klägliche Auftritt zur besten Sendezeit nichts geändert.

Und da wäre noch die vollmundige Ankündigung, sein Verhältnis zu den Medien neu zu ordnen. Warum hat er sich dann nur zwei handverlesenen Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in einem gerade einmal 15-minütigen Interview gestellt? Ist das die Vorstellung des Bundespräsidenten vom offenen Umgang mit den Medien?

Kommentare