Bundeswehr in der Kritik

Kommentar: Zeit reif für Generalrevision

Das zunächst etwas unglücklich anmutende Rollenspiel des Verteidigungsministers rechtfertigt sich zunehmend mit den jüngsten Entwicklungen in der Bundeswehraffäre. Von Lorenz von Stackelberg

Grundsätzlich, da hat die Opposition recht, war die abrupte Suspendierung des Gorch-Fock-Kapitäns menschlich und moralisch fragwürdig; umso mehr, als Karl-Theodor zu Guttenberg über mehrere Tage den öffentlichen Eindruck nicht korrigierte, der Offizier sei ohne Anhörung „gefeuert“ worden. Die Ankündigung wiederum, die kompletten Streitkräfte quasi auf den Prüfstand zu stellen, widerspricht diametral des Ministers höchstpersönlicher Forderung, jeden Eindruck eines Generalverdachts zu vermeiden.

Und dennoch: Die täglich neuen Details aus dem unerfreulichen Innenleben des Schulschiffs und der jüngste Bericht des Wehrbeauftragten legen den Schluss nahe, dass die Frage des zwischenmenschlichen Stils in den Streitkräften in der Tat nach jener grundsätzlichen Überprüfung verlangt, die Guttenberg angekündigt hat.

Persönliche Motive

Dabei wird präzise zu ermitteln sein, wo die Grenze zwischen militärisch unabdingbarem Drill und überflüssiger Schikane verläuft, wo ein möglicherweise situationsbedingt rauer Ton in menschenverachtenden Umgang entgleist und wo traditionelle Rituale wie etwa die Äquatortaufe womöglich in sadistische Quälereien mündeten. Natürlich darf nicht jede Stimme, die sich jetzt anklagend erhebt, bereitwillig als neuer Beleg für eine angebliche moralische Verkommenheit der Streitkräfte gewertet werden; so mancher, der sich jetzt nach langer Zeit zu Wort meldet, verfolgt persönliche Motive oder übertreibt einfach.

Das ändert aber nichts daran, dass die anstehende Zäsur zwischen der alten Wehrpflicht- und der künftigen Freiwilligenarmee der richtige Zeitpunkt ist, um eine menschlich-moralische Generalrevision der Bundeswehr und ihrer Autoritätsstrukturen in Angriff zu nehmen.

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