„... aber ich bin Pleitgen“

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Emil Pathe

Emil Pathe, lange Zeit Redakteur der Stadtpost Dreieich, erinnert sich an die Zeit der Wende und den Mauerfall:

In Erfurt befand sich die Bezirkszentrale der Stasi in unmittelbarer Nähe des großen Domplatzes in der Andreasstraße, lediglich getrennt durch Gericht und Gefängnis. Und so, wie seit Monaten die Erfurter mit Kerzen in den Händen schweigend durch die Andreasstraße gegangen waren und sich auf dem Platz versammelt hatten, so war es auch am Abend des 9. November 1989. Allerdings hatte die Stimmung vollkommen umgeschlagen. Erregte Diskussionen beherrschten den Domplatz, ungläubiges Staunen in den Gesichtern und immer wieder die Frage, als ob man sich gegenseitig versichern wollte: „Ist das wirklich wahr?“ Sie bezog sich auf Günter Schabowskis Antwort zur Reisefreiheit, die mit den historischen wie gestammelten Worten endete: „Sofort. Unverzüglich.“ Schließlich brach unglaublicher Jubel los. Sprechchöre skandierten: „Wir sind das Volk!“, die Augen wurden feucht, und die Gänsehaut wollte kein Ende nehmen.

Zwei Tage später fuhr ich mit meiner Lebensgefährtin und ihren zwei Töchtern im Wartburg Richtung Westen, und wir gerieten in eine Blechlawine, die sich bereits an den Hörselbergen vor Eisenach aufgestaut hatte. Nichts ging mehr. Vor mir stieg ein Mann aus einem BMW. „Den kenne ich“, sagte ich, stieg ebenfalls aus und stürmte auf ihn zu.

Hallo, Herr Nowottny ! Ich kenne Sie aus dem Westfernsehen“, sagte ich, erfreut über diese Begegnung. „Sehr schön“, erwiderte mein Gegenüber, „aber ich bin Fritz Pleitgen.“ Mir blieb nichts weiter übrig, als in die Menschentraube, die sich inzwischen um den prominenten Fernsehmoderator gebildet hatte, zu rufen: „Da können Sie mal sehen, wie wenig Westfernsehen ich geguckt habe.“

Menschen reichten uns Schokolade und Bananen

Wir blieben eine Nacht, untergebracht in einer Kaserne der Bundeswehr in Niestetal, schlenderten mit tausenden DDR-Bürgern durch Kassel und fuhren, eskortiert von unzähligen Menschen, die uns zuwinkten, Schokolade und Bananen ins Auto reichten, über Eschwege nach Erfurt zurück.

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Ein Stück Leben geraubt

Ein Jahr später übernahm ich einen kleinen Verlag in Bad Berka, gegründet von einem Frankentaler, der kurz nach dem Mauerfall nach Thüringen gekommen war - wie sich bald herausstellte, mit sehr viel Schulden. Mit fünf Mitarbeitern machte ich mich auf den beschwerlichen Weg der Sanierung. Der „Ilmtal-Bote“ wurde Amtsblatt für mehrere Städte im Landkreis Weimar. Wir druckten Bücher und Prospekte, gaben Periodika heraus. 2004 erschien in Stadt und Landkreis Weimar ein kostenloses Anzeigenblatt, herausgegeben von einem Kasseler Verlag, mit Dumpingpreisen für Inserate und einer weit höheren Auflage als der „Ilmtal-Bote“. Ein Jahr später musste ich Insolvenz anmelden. Der freie Markt des Kapitalismus hatte mich eingeholt.

Ein Bekannter aus Offenbach riet mir, ins Rhein-Main-Gebiet zu ziehen, hier gäbe es genug Arbeit für einen Journalisten. Aber es dauerte noch geraume Zeit, ehe ich eine Festanstellung beim Bintz-Verlag erhielt, wo ich als Redakteur und schließlich als Journalist für Sonderthemen eine Aufgabe gefunden hatte, die mir bis heute, inzwischen im Rentenalter, Freude bereitet.

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