Amtsgericht verhängt Geldstrafe

Radler fahrlässig zu Tode gefahren: „Kurzer Moment der Unachtsamkeit“

Dieburg/Babenhausen - Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit im Feld bei Harreshausen kostete einen 75-jährigen Radler das Leben. Von Thomas Meier 

Die Autofahrerin, die die Rechts-vor-links-Regelung nicht beachtete und den todbringenden Unfall verursachte, stand gestern vor dem Amtsgericht Dieburg. Sie kostet es weit mehr als den Schuldspruch und die Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu 70 Euro.
Der 34-jährigen Angeklagten lag zur Last, am 8. August 2017 vormittags mit ihrem Auto in der Feldgemarkung Harreshausens mit einer Geschwindigkeit von 57 km/h einen Radler angefahren zu haben. Der befuhr einen kreuzenden Weg. Obwohl an der Einmündung rechts vor links gilt und der gesamte Bereich wegen Büschen und Bäumen weder für die Angeklagte noch für das Opfer einsehbar war, soll die Forstwirtin ihre Geschwindigkeit nicht gedrosselt und dem 75-jährigen Radler aus Babenhausen die Vorfahrt genommen haben.

Bei dem Unfall erlitt der Radler tödliche Verletzungen. Seine Frau, die wenige Meter hinter ihm radelte, verlor ihren Mann, mit dem sie 42 Jahre verheiratet war; die Tochter verlor den Vater, der Enkel den Opa. Und die Angeklagte verlor laut eigenem Bekunden vor der Richterin Yvonne Keller ihre Lebensfreude. Die Forstwirtin, die vom Babenhäuser Rechtsanwalt Dr. Ingo Friedrich vertreten wurde, gab sich voll geständig, betonte, zeitweise weinend und mit stark errötetem Gesicht, dies alles tue ihr „so unendlich leid“.

Vor der Richterin und Staatsanwältin Christina König von der Staatsanwaltschaft Darmstadt stellte die Angestellte des öffentlichen Dienstes ihre Sicht auf die unglücksseligen Geschehnisse dar. Sie räumte ein, das Gebiet zu kennen und auf dem Weg zu einer Baustelle, einem Wegebau am Waldrand, gewesen zu sein. Und eine weitere Stelle, nahe der ersten gelegen, sollte folgen. Sie habe schon das rot-weiße Absperrband gesehen, eine Sekunde überlegt, wohin sie nun zuerst wolle. Im Moment, als sie sich entschloss, weiter geradeaus zu fahren, geschah es auch schon. „Ein Moment der Unachtsamkeit“, sagte die Frau, die seit dem traumatischen Unfall in psychiatrischer Behandlung ist. Da war er plötzlich, der Knall vorn links. Es folgte die Vollbremsung, eine erste Orientierung, denn zunächst konnte sie aus ihrem Pick-up nichts Genaues erkennen. Doch beim Aussteigen lag der Rentner neben seinem Rad, seine Frau war da, ein Ehepaar kam hinzu, leistete Erste Hilfe – tränenerstickt schilderte die Forstwirtin die Ereignisse aus ihrer Sicht.

Auch das Danach war schlimm. Der Krankenwagen, der vom Handy gerufen wurde, die Polizei – „alles dauerte. Die fanden uns im Feld zunächst nicht“, erinnert sich die 34-Jährige, die „niemals jemandem Schaden zufügen wollte“. – Aber auf Nachfrage, ob sie vor der nicht einsehbaren Einmündung ihren Wagen abgebremst hätte, antworten musste: „Ich denke nein.“

Die Ehefrau des Opfers sagte als Zeugin aus. Ihre Eindrücke des Geschehens kamen ebenfalls unter Tränen zum Ausdruck. Auch sie hörte zuerst den Knall, sah dann das große Auto, und entdeckte erst das Unglück, als sie um den Wagen herum ging.

Eine weitere Zeugin, die zum Unfallzeitpunkt 50 Meter weit entfernt mit ihrem Hund spazieren ging, brachte für das Gericht ebenso wenig neu Erhellendes wie die Aussage des damals den Unfall protokollierenden Hauptwachtmeisters. Von ihm wollte die Richterin wissen, ob und wenn ja welche Geschwindigkeitsbegrenzung außerhalb von Harreshausen gilt („100 km/h“), ob einer der beiden sich kreuzenden Feldwege Merkmale aufweise, die ihn als vorfahrtsberechtigt ausweise („nein“). Der Polizist gab Bericht über den Alkotest bei der Autofahrerin („0,0 Promille“) und den Zustand von Auto und Rad.

Zu letzteren Gefährten nahm ausführlich der an den Unfallort hinzugezogene Sachverständige Stellung. Sowohl am Rad als auch am Auto war alles okay. Sogar Luftaufnahmen wurden vom Unfallort gemacht. Aller Auswertung letzter Schluss: Die Angeklagte fuhr zu schnell in den uneinsehbaren Kreuzungsbereich, in den das Opfer unglücklicherweise zu dem Moment einbog.

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Für fahrlässige Tötung steht ein Strafmaß von Geldstrafe bis fünf Jahre Haft zur Verfügung. Staatsanwältin König sah einen tragischen Unglücksfall, den allerdings die Angeklagte, die die Örtlichkeit kannte, mit verschuldet habe: durch zu schnelles Fahren in einem Gelände, das ihr kein rechtzeitiges Bremses mehr ermöglicht hätte, und durch die Vorfahrtnahme. Sie plädierte auf eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu 70 Euro und die Übernahme der Prozesskosten.

Rechtsanwalt Friedrich bat, alle Gesichtspunkte einer Entlastung seiner unbescholtenen Mandantin zu beachten. Auch wer von rechts in eine Straße einfahre, habe auf Gefahren zu achten. Es sei eine Verkettung unglücklicher Ereignisse. Er bat, ein Strafmaß „unterhalb von vorbestraft“ zu wählen.

Richterin Keller folgte den Ausführungen der Staatsanwältin. Gegenüber der Angeklagten sagte sie zum ausgesprochenen unteren Strafmaß: „Sie sind genug bestraft mit Ihrer Situation.“

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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