Babenhausen: Familie Rottstedt zählt zu den wenigen Bio-Gemüsegärtnern

Auf einsamem Posten

Im Bio-Garten der Familie Rottstedt (von links): Alexandra Hilzinger von der Geschäftsstelle der Ökomodell-Region Süd, Kirsten Kummetat-Rottstedt und Hartmut Rottstedt.
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Im Bio-Garten der Familie Rottstedt (von links): Alexandra Hilzinger von der Geschäftsstelle der Ökomodell-Region Süd, Kirsten Kummetat-Rottstedt und Hartmut Rottstedt.

Jede Menge Pflänzchen sprießen in dem kleinen Gewächshaus aus der Erde, darunter Tomaten, Gurken, Paprika, Zucchini, Physalis, Auberginen und verschiedene Kräuter. Seit Februar ist die leidenschaftliche Bio-Gemüsegärtnerin Kirsten Kummetat-Rottstedt in dieser verglasten „Kinderstube“ neben ihrem Wohnhaus im Einsatz. „Ich habe alles selbst ausgesät“, sagt sie.

Babenhausen - Nach den Eisheiligen Mitte Mai wird sie die Pflanzen ins Freiland setzen. Ihr rund 1 200 Quadratmeter großer Garten ist nur wenige Gehminuten vom Wohngrundstück am Ortsrand von Babenhausen entfernt.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Hartmut Rottstedt betreibt die 55-jährige einen zertifizierten Bio-Betrieb im Nebenerwerb. Außer dem selbst angebauten Gemüse und Früchten, die sie im Sommer direkt von einem Tisch auf dem Gartengrundstück am Langenbrücker Weg (Radweg zwischen Babenhausen und Sickenhofen) aus verkauft, produzieren die beiden auch Bio-Honig. Wer Interesse hat, kann auch jetzt schon selbst gezogene Jungpflanzen kaufen.

Die beiden sind Überzeugungstäter. „Uns war von Anfang an klar, dass wir ökologische Landwirtschaft betreiben wollen. Es gibt auch keine langfristigen Erfahrungen bei der konventionellen Landwirtschaft und man weiß nicht wohin das führt. Denn über Jahrhunderte haben Bauern ohne Chemie gearbeitet“, sagt Hartmut Rottstedt, der insgesamt 30 Hektar Land besitzt, das über drei Bundesländer – Thüringen, Hessen und Sachsen-Anhalt – verteilt ist. Davon liegen zehn Hektar in Babenhausen, ihr Zuhause seit 20 Jahren.

„Seit fünf Jahren bewirtschaften wir von den zehn Hektar vier selbst, der Rest ist verpachtet“, sagt Rottstedt. Neben dem Garten haben sie vor allem Dauergrünland, das als Futter für ihre drei Pferde gebraucht wird. Denn – das weiß mancher nicht – auch das Gras und das Heu für die Pferde muss den strengen Bio-Richtlinien entsprechend produziert sein. „Weil wir ihren Mist ja kompostieren und als Dünger für unsere Pflanzen nehmen“, erklären die beiden. Da muss der ganze Kreislauf ökologisch sein, was auch regelmäßig kontrolliert wird.

Als Bio-Bauern sind sie in Babenhausen auf relativ einsamem Posten. Sie kennen noch Markus und Birgit Ankenbrand, die seit 2004 ökologischen Landbau betreiben und vor allem Kartoffeln, Getreide und Kürbisse produzieren. So waren die Rottstedts glücklich, über die Ökomodellregion Süd (siehe Infokasten) Zugang zu einem Netzwerk mit anderen Bio-Produzenten zu bekommen und sich austauschen zu können. Aber auch wenn einzelne Bio-Bauern das Gefühl haben, allein auf weiter Flur zu sein, gibt es doch seit einiger Zeit – vielleicht angeschoben durch das Bewusstsein für die Klimakrise – einen Trend zu mehr Bio-Lebensmitteln sowohl bei der Produktion als auch beim Verbrauch.

„Die Nachfrage der Konsumenten ist während der Corona-Pandemie noch gewachsen“, sagt Alexandra Hilzinger aus Hergershausen, die gemeinsam mit ihren beiden Kollegen Angelika Jenke und Robert von Klitzing die Projektkoordination und die Geschäftsstelle der Ökomodellregion Süd beim Landkreis Darmstadt-Dieburg managt. An zwei Außenstellen, nämlich im Odenwaldkreis und im Kreis Bergstraße, neu dazugekommen sind Sylvia Barrero-Stadler, die das Projekt von Reichelsheim aus koordiniert, und Alisa Barth in Heppenheim.

Als wichtige Ziele nennt Hilzinger die Ausweitung der ökologischen Produktion und die Förderung der Vermarktung in der Region. „Wir begleiten den Weg vom Erzeuger bis zum Verbraucher“, erklärt die 46-jährige.

Koordiniert von der Geschäftsstelle in Darmstadt- Kranichstein bringen sich sieben Projektgruppen und ein aus Ehrenamtlichen bestehender Fachbeirat bei der Ökomodellregion Süd ein. Das große Netzwerk aus Landwirten, Händlern und Verbrauchern leidet natürlich auch unter der Pandemie, denn Großveranstaltungen, wie die ein- bis zweimal im Jahr geplanten Vollversammlungen, können aktuell nur digital stattfinden. „Im März vergangenen Jahres mussten wir unser Plenum zum wichtigen Thema Grundwasser und Wasserschutz absagen, das haben wir im vergangenen November dann aber digital mit Erfolg nachgeholt“, erzählt Hilzinger, die mit ihrem Team in der Geschäftsstelle die unterschiedlichsten Projekte koordiniert, Veranstaltungen plant und organisiert, Projektgruppen betreut, Kontakte vermittelt und Öffentlichkeitsarbeit macht.

„Wir sind keine Berater, beispielsweise wenn jemand seinen Betrieb umstellen möchte. Das machen eigene Berater des Landes Hessen und die Anbauverbände für Öko-Landbau. Auch mit der Kontrolle oder der Zertifizierung haben wir nichts zu tun. Wir sind Netzwerker, die Einzelprojekte für die Ökomodell-Region suchen und umsetzen.“

Von Petra Grimm

„Direktvermarktung“ vom Tisch im Garten aus.

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