Verunsicherte Kunden überall

Babenhäuser Unternehmer vermissen klare Ansagen

Petra Leistner (links) und Martina Reitze (rechts) warten in Xamea Dessous auf getestete oder vollständig durchgeimpfte Kundinnen.
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Petra Leistner (links) und Martina Reitze (rechts) warten in Xamea Dessous auf getestete oder vollständig durchgeimpfte Kundinnen.

Die Gewerbetreibenden in Babenhausen haben derzeit nicht viel zu lachen. Die Corona-Vorschriften schränken die Unternehmer stark ein. Doch noch mehr stört sie, dass es keine klaren Ansagen und einheitliche Regeln gibt.

Babenhausen – Der alte Büstenhalter rutscht, sein Bügel drückt schmerzhaft. Die Trägerin ist unzufrieden, kann aber nicht zur Anprobe eines neuen in Kati Mehlers Laden Xamea Dessous. Jedenfalls nicht ohne aktuell negativen Corona-Test oder eine zweite Impfung. „Das kann gesundheitsgefährdend sein“, kritisiert die Inhaberin des Geschäfts in der Babenhäuser Bummelgasse.

„Wir wollen Menschen helfen, dürfen aber nicht.“ Stattdessen würde in von den Einschränkungen verschonten Supermärkten jetzt oft auch Unterwäsche verkauft – ohne notwendige Fachkenntnis und Beratung. Mehler ärgert sich.

Xamea Dessous: Nur drei Kundinnen kommen mit negativem Test pro Tag

Der Blick auf den richtigen Sitz des stützenden Kleidungsstücks ist gerade das, was der Fachfrau wichtig ist. Deswegen bietet sie selbst nichts im Online-Verkauf an, befürchtet allerdings, dass seit Corona immer mehr Frauen ihre Unterwäsche im Internet bestellen. Mit Beginn der Bundes-Notbremse am 24. April kann sie nur getesteten Kundinnen in ihren Umkleidekabinen beratend zur Seite stehen. Etwa drei am Tag würden mit den erforderlichen negativen Ergebnissen vorbeikommen, sechs bis acht am Tag würden das testlose Click & Collect nutzen und sich das abholen, was sie telefonisch oder per E-Mail bestellt hätten.

„Das Click & Meet ohne Test hat vorher so wunderbar funktioniert“, erinnert sie sich sehnsüchtig. „Wir waren komplett ausgebucht und konnten die drei Kundinnen, die auf einmal rein durften, in Ruhe individuell bedienen.“

Babenhausen: Sitas Moden muss schließen

Dieses Glück hatte Sibel Adam, die Inhaberin der Boutique Sitas Moden, nicht. Ihr Geschäft für Damenmode, das vergangenen Oktober erst öffnete, wird spätestens diesen September dicht machen. Zu hart hat sie der quasi direkt auf die Eröffnung folgende Lockdown getroffen. „Die Winterware ging nur zu Schleuderpreisen raus“, erzählt Adam. „Ein Minusgeschäft.“ Und staatliche Hilfe gab es für den Neuling in der Bummelgasse nicht. Da hätten die wenigen Wochen mit Click & Meet ohne Test auch nichts mehr gerettet. Denn kaum einer sei gekommen. „Und jetzt mit Test, das ist im kleinen Babenhausen fast unmöglich“, bedauert sie. In Babenhausen ist zu wenig los, da mache keiner einen Test, um ausgiebig shoppen zu gehen.

Das bestätigt Gerlinde Krapp, die den Secondhand-Laden Anziehpunkt führt. „Heute Morgen war die Erste mit Test da, am Mittag die Zweite“, sagt sie. Und das bereits über eine Woche nach Start der neuen Regelung und obwohl es bei leerem Laden ohne vorherigen Anruf funktioniere. In den Tagen eins bis vier habe sie so nur zwei bis 20 Euro eingenommen. Krapp reagiert mit einem bunt gefüllten Schaufenster und Kleidungsständern vor der Tür des Geschäfts für gebrauchte Dinge wie Schmuck, Deko, Haushaltswaren und natürlich Anziehsachen. An die sechs Kunden blieben am Tag spontan stehen und ließen sich zwei, drei Klamotten für die Anprobe daheim mitgeben, zwei würden telefonisch bitten, etwas abholen zu dürfen. „Vor Corona war bei uns der Umtausch ausgeschlossen. Jetzt ist das anders“, erklärt Krapp.

Die Abgabe ausrangierter Kleidung – sei es etwas Gediegenes wie ein nicht mehr passender Anzug oder, eine Nummer exotischer, ein Paar nicht mehr getragene Cowboystiefel – laufe nach wie vor gut: entweder persönlich am Eingang oder durch einfaches Abstellen vor der Tür.

Zweiradshop Niederhofer: „Reparaturen laufen wie immer“

Ähnlich ist es im Zweiradshop Niederhofer mit der Unterscheidung von Verkauf und Reparatur. „Reparaturen laufen wie immer“, meint Geschäftsführer Klaus Schmitt. Die Fahrradreparatur sei systemrelevant. Beim Verkauf eines neuen Rades werde dagegen erst einmal so gut wie möglich am Telefon beraten und dann das, was sich dabei herauskristallisiere, an einem vereinbarten Termin draußen zur Probefahrt bereitgestellt.

Verwirrend – für die Kunden wie auch für die Einzelhändler selbst. „Mir fehlen klare Ansagen“, bemängelt Schmitt. „Keiner weiß doch mehr, was Sache ist. Alles erfahre ich nur aus der Tagespresse.“ Von Landkreis oder dem Ordnungsamt würde er sich als Ladenbetreiber solche Infos wünschen. Immerhin habe ihn das Ordnungsamt noch am Freitagmittag zurückgerufen, als er dort am selben Tag händeringend um klärende Hilfe bat.

Buchhandlung Auslese: Kunden dürfen auch ohne Corona-Test kommen

Walter Proboscht, der Chef der Buchhandlung Auslese, spricht ebenfalls von verwirrten Kunden. Immer wieder tauche seit der Corona-Notbremse ein unsicher dreinblickendes Gesicht im Spalt der Ladentür auf und frage: „Darf ich ohne Test reinkommen?“ Und ja, der oder die Kundin darf. Ohne Test und ohne vorherige Terminvereinbarung. Denn Bücher sind seit dem 8. März eine Ausnahme. Wie Blumen. Oder Briefe und Pakete.

In der Auslese durften Simon (4) und sein Vater noch testfrei stöbern.

„Und jetzt hat sich bei uns lediglich geändert, dass eine Person 20 Quadratmeter für sich haben muss. Nicht wie vorher nur zehn Quadratmeter“, erläutert Proboscht stets geduldig. Bei seiner 100 Quadratmeter-Fläche dürfen mit ihm und Kollegen zurzeit also fünf Menschen im Laden sein. Ist eine Mutter mit zwei Kindern mit Buchauswahl beschäftigt, ist das Geschäft somit in diese Zeit für andere Lesewillige geblockt. Nicht schön, aber kein wirkliches Problem für den Buchhändler. „Denn wie viele kleine Buchläden haben wir seit Corona sogar zugelegt und neue Kunden gekriegt.“ Obwohl die Auslese zwei Wochen vor Weihnachten komplett geschlossen bleiben musste, sei der Dezember 2020 besser gewesen als der von 2019 ohne Corona. Auch die übrigen Monate stünden gut da. Und die Lieferungen vom Großhandel kämen wieder täglich.

„Wir haben treue Kunden, die an uns hängen“, findet Proboscht eine Erklärung, warum seine Lesergemeinschaft in der schwierigen Zeit nicht ins Internet, beispielsweise zu Amazon, abgewandert sei und sich lieber Bücher im Shop der Auslese-Webseite bestellt habe. Eine Sache der persönlichen Bindung: Kleine und mittlere Buchhandlungen würden den Geschmack ihrer Kunden kennen. So könne man sie erinnern, wenn der Lieblingsautor ein neues Werk herausgebracht habe. Ein Vorteil, den große Buchhandlungen, wie es sie in größeren Städten fast nur noch gäbe, nicht hätten.

Andre und Oestreicher: Test für fünf Euro - bei Einkauf ab 50 Euro kostenlos

Im Bauzentrum Andre und Oestreicher kennt man derzeit beides: den Normalbetrieb mit Maske und das System mit aktuellem Test oder vollständigem Impfschutz. „Fürs Gartencenter und für die Postfiliale braucht man weder Test noch Termin“, beginnt Geschäftsführer Timo Kraus aufzuzählen. „Im Baucenter dürfen nur noch Gewerbetreibende normal einkaufen. Alle anderen können entweder lediglich bestellte Ware abholen oder brauchen einen negativen Test.“ Und den kann jeder an der Kasse des Bauzentrums für fünf Euro erstehen. „Beim Einkauf ab 50 Euro wird einem das Geld rückerstattet“, sagt Kraus. Die Idee hat er vom Handelsverband. Zwischen 50 und 70 Tests hätten sie in der ersten Woche an die Kunden gebracht – samt schriftlichem Ergebnis.

Johanna Pur sitzt vor einem Selbsttest bei Andre und Oestreicher.

Einen glücklichen Ausgang für alle wünscht sich Gewerbevereinsvorsitzende Silke Kasamas. Zumindest bei Sitas Moden scheint die Hoffnung umsonst. (zkn)

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