Zeichen gegen Extremismus

Stadt erkennt Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft ab

In Babenhausen wurde Adolf Hitler jetzt offiziell die Ehrenbürgerschaft aberkannt.
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In Babenhausen wurde Adolf Hitler jetzt offiziell die Ehrenbürgerschaft aberkannt.

Gut 76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat die Stadt Babenhausen (Kreis Darmstadt-Dieburg) Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde aberkannt.

Update vom Freitag, 16.07.2021, 11.00 Uhr: Adolf Hitler ist nun auch ganz offiziell die Ehrenbürgerschaft der Stadt aberkannt worden. Einstimmig schlossen sich die Stadtverordneten am Donnerstagabend (16.07.2021) dem Antrag des Magistrats an, die im April 1933 verliehene Ehrenbürgerwürde postum abzuerkennen, auch wenn diese rein rechtlich bereits mit seinem Tod 1945 erloschen war. Bürgermeister Dominik Stadler (unabhängig) sieht in dem Beschluss – die Initiative dazu ging von Heimatforscher und Journalist Joachim Heizmann aus – „ein Zeichen gegen jede Art von nationalistischen Tendenzen, Rechtsextremismus und Rassismus“. Lediglich Grünen-Fraktionsvorsitzende Sabine Walz meldete sich vor der Abstimmung zu Wort.

Die Entscheidung sei überfällig und sie dürfe kein Schlussstrich unter der Auseinandersetzung mit der Schreckensherrschaft der Nazis sein. „Jeder Stolperstein hilft dabei“, meinte sie exemplarisch. Walz erinnerte an den Babenhäuser Johann Heinrich Engel, der während seiner Zeit in Babenhausen (1929 bis 1950) als eine der wenigen den Mut hatte, „Nein zu sagen“. Wegen seiner Widerstands wurde er mehrmals verhaftet und im KZ Dachau interniert, woraus in letztendlich die US-Armee befreite. 2015 wurde nach Engel das Areal vor dem Bahnhof benannt.

Babenhausen: Formelle Aberkennung in der Stadtverordnetenversammlung ist nicht erforderlich

Erstmeldung vom Montag, 12.07.2021, 15.15 Uhr: Babenhausen – „Der äußere Rahmen der Sitzung bot ein seither ungewohntes Bild. Von der Eingangstür gegenüberliegenden Wand grüßt das Hakenkreuzbanner, flankiert von der schwarz-weiß-roten und der weiß-roten Fahne, vor denen sechs schöne Lorbeerbäume aufgestellt worden sind. Punkt 8.30 Uhr ist der Gemeinderat vollzählig – alle im Braunhemd – versammelt“ – so berichtet die „Babenhäuser Zeitung“ von der öffentlichen Gemeinderatssitzung am 28. April 1933. Alle Gemeinderatsmitglieder gehören einer Fraktion an: der NSDAP. Sie beschließen, dem erst seit Ende Januar 1933 im Amt befindlichen Reichskanzler Adolf Hitler das Ehrenbürgerecht der Stadt zu verleihen und auch die damalige Bahnhofstraße – heute Platanenallee – in Adolf-Hitler-Straße umzubenennen.

Während die Straße schon nach Kriegsende 1945 wieder ihren alten Namen bekam, beschäftigt die Ehrenbürgerschaft des Diktators am Donnerstag, 15. Juli, die Stadtverordneten in ihrer öffentlichen Sitzung in der Stadthalle (Beginn 19.30 Uhr). Diese soll ihm postum aberkannt werden, auch wenn eine formelle Aberkennung nicht erforderlich sei, da diese nach geltendem Recht mit dem Tod ohnehin erloschen sei, wie es im Antrag des Magistrats heißt. Aber: Die Hauptsatzung der Stadt erwähnt ein Erlöschen der Ehrenbürgerschaft durch Todesfall nicht explizit. Allerdings kann das Ehrenbürgerrecht „wegen unwürdigen Verhaltens“ entzogen werden. Und genau das soll das Stadtparlament beschließen.

Jüdisches Leben in Babenhausen soll nicht im Schatten von Hitler stehen

Die Initiative dazu ist vom Babenhäuser Heimatforscher und Journalisten Joachim Heizmann ausgegangen. „Es ist kein Geheimnis, dass Hitler Ehrenbürger Babenhausens war“, erzählt er. Das sei in vielen Orten nach der Machtergreifung und Gleichschaltung geschehen. Heizmann, Vorstandsmitglied des Babenhäuser Heimat- und Geschichtsvereins, recherchiert schon seit Längerem zum jüdischen Leben in der Gersprenzstadt. Bereits Ende 2017 hatte er die Stadt angeschrieben, damit zwei 2018 anstehende besondere Gedenktage „nicht im braunen Schatten einer Ehrenbürgerwürde von Adolf Hitler stehen“. Gemeint waren 700 Jahre jüdisches Leben in Babenhausen (1318 erste urkundliche Erwähnung) und die Ersterwähnung der Synagoge im Jahr 1418 (600 Jahre). Passiert sei allerdings nichts.

Urkunde und Führungen

Der gerahmte, gesiegelte und von den Ratsmitgliedern unterschriebene Ehrenbürgerbrief der Stadt Babenhausen an Adolf Hitler ist nicht im Stadtarchiv im Burgmannenhaus. Im vergangenen Dezember tauchte er bei einem auf solche Devotionalien spezialisierten Münchner Auktionshaus auf und wurde für 360 Euro versteigert.

Der Babenhäuser Heimatforscher Joachim Heizmann mutmaßt, dass es sich um das nach Berlin geschickte Original handeln könnte. Georg Wittenberger, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV), weiß , dass der Babenhäuser Künstler Fritz Kehr die Urkunde angefertigt hat. Der HGV plant für September einen Vortrag („Von Babenhausen nach Theresienstadt – die Geschichte von 28 Babenhäusern“) und Führungen, etwa zu den beiden jüdischen Friedhöfen.

Babenhausen: Ehrenbürgerschaft von Adolf Hitler soll aberkannt werden

Da in diesem Jahr bundesweit an 1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gedacht und es auch gefeiert wird, habe Heizmann Anfang des Jahres erneut ein Schreiben an den Magistrat formuliert, der sich diesmal dem Thema angenommen hat und nun einen entsprechenden Antrag ins Stadtparlament einbringt.

Heizmann ist bewusst, dass die Ehrenbürgerwürde mit dem Tod Hitlers erloschen ist. Aber die Aberkennung sei zum einen ein Zeichen für eine aus seiner Sicht „dringend erforderlichen Aufarbeitung der terroristischen Nazi-Herrschaft in Babenhausen“ als auch ein Zeichen gegen Rassismus, Extremismus, Nationalismus, Gewalt und Terror. Heizmann sieht das alles auch vor dem Hintergrund des rechtsextremistischen Anschlags auf die Synagoge in Halle, dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und den Morden in Hanau. (Norman Körtge)

Zuletzt sorgte eine Corona-Impfaktion in Babenhausen bei Darmstadt für Schlagzeilen. Gegen die Initiatoren soll sogar Strafanzeige gestellt werden.

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