Gewerbeverein feiert Geburtstag

„Das Pferd, das den Karren zieht“

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Mit dem Neujahrsempfang in der Stadtmühle wurde das Jubiläumsjahr des Gewerbevereins eingeläutet.

Babenhausen - Zum Neujahrsempfang hatte der Gewerbeverein in die Stadtmühle geladen. Der Start in ein besonderes Jahr, denn der Verein feiert sein 150-jähriges Bestehen. Von Michael Just 

Im Saal der Stadtmühle war alles für ein paar entspannte Stunden vorbereitet: Es gab delikates Finger-Food, dazu wurden von Sekt über Wein bis Bier sämtliche Getränkewünsche abgedeckt. Mit „Sonority“ spielte eine mehrköpfige Band, die es verstand, mit ihrem ausdrucksstarken und gedämpft vorgetragenen Repertoire für eine wohlige Atmosphäre zu sorgen. Dass der Neujahrsempfang des Gewerbevereins mehrere Wochen auf sich warten ließ, hatte eine Erklärung: Mehrere Mitglieder des Vorstands waren in den letzten Wochen krankheitsbedingt außer Gefecht gesetzt, sodass die Einladungen erst für Ende Februar rausgingen.

Wie Vorsitzende Silke Kasamas in ihrer Begrüßung sagte, kommen 150 Jahre einer wahren „Hausnummer“ gleich. Der lange Zeitraum lasse sich für sie gut an der Menge der Veränderungen, unter anderem bei den Berufen, erkennen. „Einige sind komplett verschwunden, andere wiederum ganz neu entstanden“, so Kasamas. Für jeden im Saal sei es eine interessante Überlegung, einmal darüber nachzudenken, wie der eigene Beruf vor 150 Jahren daherkam.

Bürgermeister Joachim Knoke wartete mit einem Zitat des englischen Staatsmannes Winston Churchill auf. Dieser sagte einst, dass es Leute gibt, die Unternehmer für einen räudigen Wolf halten, dem man sich eigentlich entledigen muss. Für andere seien Unternehmer eine Kuh, die es ununterbrochen zu melken gilt. „Nur ganz wenige sehen in ihm das Pferd, das den Karren zieht“, zitierte Knoke weiter. Mit dem Vergleich verdeutlichte der Bürgermeister, dass Geschäftsleute in vielerlei Hinsicht nicht immer einen leichten Stand haben. Für Babenhausen habe der Verein nur Vorteile: „Der Gewerbeverein ist eine Größe in der Stadt“. So gebe viele Dinge erst dank seines Zutuns. Für mehrere Traditionsveranstaltungen übernehme er Verantwortung. Dass der Gewerbeverein an vielen Rädern dreht, verdeutlichte Knoke am Beispiel Freifunk. Hier hätten Stadt und Verein in einer äußerst positiven Zusammenarbeit ein WiFi-Angebot quer durch die Stadt geschaffen – und mit kleinem Geld Großes bewirkt.

Die Ursprünge des heutigen Gewerbevereins gehen auf den „Local Gewerbe Verein“ zurück, der 1868 zum ersten Mal erwähnt wird. Die Entstehung dürfte in Zusammenhang mit einer Handwerkerschule stehen, die wohl zeitgleich gegründet wurde. Die genauen Gründungsdaten von Schule und Verein liegen nicht vor. So könnten die Wurzeln des Gewerbevereins durchaus noch älter sein. Das liegt schon deshalb nahe, da Zünfte und Verbindungen schon lange vorher existierten. Dass es vor 150 Jahren einen „Local Gewerbe Verein“ in der Stadt gab, ist eine recht junge Erkenntnis. Mit Joachim Heizmann stieß ein Mitglied des Heimat- und Geschichtsverein erst im letzten Jahr auf jene Grundlagen, die sich im Stadtarchiv auftaten. Nicht ganz klar ist derzeit, ob der Gewerbeverein nach dem Krieg noch einmal neu gegründet wurde und wann er seinen jetzigen Namen erhielt. So liegen nicht über alle Jahrzehnte exakte Schriften und Aufzeichnungen vor. Der jetzige Vorstand um Silke Kasamas, die 2013 mit einem neuen Team den Generationswechsel beim Gewerbeverein einläutete, ist derzeit sehr bemüht, die Geschichte aufzuarbeiten. Mit Heizmann hat sie und Kollegen dafür einen engagierten Helfer gefunden. Heizmann will den Verein zukünftig darin unterstützen, privat Gesammeltes zusammenzutragen und auszuwerten. „Der Wunsch vom Verein ist da“, so der Babenhäuser.

Bilder: Babenhausen und Stadtteile

Das machte auch der Neujahrsempfang mit einer kleinen Ausstellung deutlich: Sechs moderne „Roll-ups“ öffneten ein Fenster in die Babenhäuser Vergangenheit aus Gewerbe, Handwerk und Produktion. Mitglieder des Vereins hatten in den letzten Monaten unzählige Fotos aus Stadt- oder Zeitungsarchiven zusammengetragen und unter verschiedene Themen geordnet. Darunter waren alte Aufnahmen von Geschäftshäusern, Firmenlogos aber auch Annoncen, die Verein oder Geschäftstreibende aufgegeben hatten.

An eine andere Zeit erinnerte das Angebot von Apfelkraut, dass Ziegenfelle zu Höchstpreisen gesucht oder um Lumpen und Knochen zur Erstellung von Werkstoffen angefragt wurde. Die Fotos einstiger Betriebe – ob Sägewerk, Molkerei, Kamm- oder Konservenfabrik – verdeutlichten, dass Babenhausen nach der Erteilung der Stadt- und Marktrechte im ausgehenden Mittelalter ein Zentrum von Handel und Gewerbe blieb.

Der einstigen Gründung der Handwerkerschule will der Gewerbeverein im Jubiläumsjahr damit Rechnung tragen, dass es im Herbst eine Handwerkermesse auf dem Gelände von Andre + Oestreicher gibt. Sie tritt 2018 an die Stelle der „Nacht der Lichter“. Wie gewohnt wird der Verein beim Ostermarkt das Osterfeuer organisieren und sich an der Job-Info-Börse der Joachim-Schumann-Schule beteiligen. Derzeit laufen Überlegungen, das Jubiläumsjahr mit zusätzlichen Veranstaltungen, wie etwa einer Grillparty, weiter aufzuwerten.

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