Aufruf des Aktionsbündnisses

Kampf um Arbeitsplätze bei Continental: Autokorso geplant

Ein identitätsstiftendes Logo hat das Aktionsbündnis kreiert. Es zeigt die Babenhäuser Silhouette mit dem Hexenturm und dem Burgmannenhaus, das Pferd aus dem Continental-Markenzeichen und einen Auto-Tacho.
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Ein identitätsstiftendes Logo hat das Aktionsbündnis kreiert. Es zeigt die Babenhäuser Silhouette mit dem Hexenturm und dem Burgmannenhaus, das Pferd aus dem Continental-Markenzeichen und einen Auto-Tacho.

2 250 der derzeit etwa 3 600 Stellen sollen bei Continental in Babenhausen abgebaut werden. Während hinter verschlossenen Türen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite um Einzelheiten diskutieren, plant die IG Metall eine große Demonstration in Form eines Autokorso durch Babenhausen.

Babenhausen – „Was machen wir?“, ruft Giovanni Bonanno seinen Kollegen laut zu. Die Antwort schallt ihm aus Dutzenden Kehlen entgegen: „Wir bleiben hier!“ Es ist so etwas wie der Schlachtruf der Continental-Mitarbeiter geworden, die nun seit fast einem Jahr um ihre Arbeitsplätze bangen – und mit ihnen eine ganze Region, die um den Standort kämpft. Am 26. September 2019 hatten die Mitarbeitenden – nachdem die Nachricht bereits am Vortag durchgesickert war – erfahren, dass Continental deutschlandweit massiv Stellen abbauen will. Besonders betroffen der Standort Babenhausen, wo bis 2025 2 250 der derzeit etwa 3 600 Stellen gestrichen werden sollen. Laut und deutlich erschallte das von Bonanno angestimmt „Wir bleiben hier!“ am Donnerstag am Ende der Frühschicht. Die IG Metall hatte am Drehkreuz zu einer „gewerkschaftlichen Mittagspause“ geladen, spendierte Würstchen mit Brötchen und wollte vor allem informieren.

Etwa 70 Conti-Beschäftigte versammelten sich dann auch im Corona-Abstand im Halbkreis um Gewerkschaftssekretär Daniel Bremm. Der informierte nicht nur, sondern gab sich auch kämpferisch. Er ließ die vergangenen Monaten Revue passieren, die sehr von der Pandemie geprägt waren. „Bis in den März hinein hatten wir ein hohes Aktionsniveau“, schilderte er. Mit dem Shutdown sei dann einiges zum Erliegen gekommen. Aber nun, da es bereits wieder erste Verhandlungsrunden gegeben habe und die nächsten anstünden, gelte es auch in der Öffentlichkeit wieder mehr Präsenz zu zeigen. Noch sei man in der ersten Phase des Interessenausgleichsverfahrens, in der es vor allem um den Informationsaustausch gehe.

„Der Arbeitgeber muss uns plausibel darlegen, wie und warum er welche Maßnahmen umsetzen möchte“, so Bremm. Dazu gebe es immer wieder Nachfragen der Gewerkschaft und des Betriebsrates. Allerdings merke man, dass Continental nun anfange aufs Tempo zu drücken, um schnelle Lösungen zu erreichen. „Da ist Druck auf dem Kessel“, sagte Bremm. Auch seine Kollegin Anne Nothing unterstrich, dass es nicht um schnelle Lösungen gehe, sondern um den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze: „Jedes Jahr mehr macht was aus“. Sie machte keinen Hehl aus ihrer Meinung, dass es dem Unternehmen nur um die hohen Lohnkosten in Deutschland gehe und daher Arbeit ins Ausland verlagern möchte.

Bremm erwarte nichts Gutes, wenn am kommenden Dienstag in Hannover wieder Gremien tagen und dann wahrscheinlich weitere Maßnahmen – vielleicht nicht unbedingt für Babenhausen – aber für andere Standorte beschließen. Daher sein Appell an die Beschäftigten: „Ihr müsst sichtbar werden. Ihr seid mehr als die, die in den Verhandlungen sitzen.“ Eine öffentlichkeitswirksame Aktion stellte er auch gleich vor. Am Donnerstag, 10. September, wird es eine Demonstration in Babenhausen geben. Da in Corona-Zeiten ein Unterhaken und durch die Straßen marschieren nicht umzusetzen ist, wird es in Form eines Autokorso passieren. Er soll am Werk beginnen, durch die Innenstadt führen und am Freibad enden. Dort ist auch eine Abschlusskundgebung geplant.

Zur „gewerkschaftlichen Mittagspause“ lud die IG Metall am Donnerstag in Babenhausen. Gewerkschaftssekretär Daniel Bremm (rechts) informierte nach dem Ende der Frühschicht über den aktuellen Verhandlungsstand. Dazu gab es Würstchen und Brötchen.

Von Unternehmensseite hieße es diese Woche auf Anfrage, dass noch keine Ergebnisse aus den seit einiger Zeit geführten intensiven, vertraulichen Gesprächen mit der Arbeitnehmerseite gebe: „Wir halten uns daran, diese Gespräche intern zu führen und dann die Ergebnisse gemeinsam öffentlich zu verkünden.“ Außerdem verweist der Unternehmenssprecher auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie, weswegen derzeit im gesamten Unternehmen weitere Maßnahmen zum Ausgleich der daraus erwachsenen, zusätzlichen Belastungen geprüft würden. Die gesamte Autobranche und insbesondere die Zulieferer treffe die derzeitige, größte Krise der Nachkriegszeit besonders hart. Für eine Aussage dazu, wie sich dieser Umstand auf den Inhalt der Gespräche mit der Arbeitnehmerseite am Standort Babenhausen auswirken könne, sei es noch zu früh.

Zumindest eine erfreuliche Nachricht für die Beschäftigten: Die Kurzarbeit in Babenhausen ist gänzlich eingestellt und auch im Laufe des Jahres nicht mehr geplant.

Auf ein eigentlich freudiges Ereignis in der kommenden Woche blickt der Babenhäuser Michael Matousek. Dann feiert er seine 40-jährige Betriebszugehörigkeit. „Ich dachte eigentlich, ich schaffe auch die 50“, erzählt der 56-Jährige. Er sieht sich vor einem Dilemma: „Ich bin zu jung für Altersteilzeit und zu alt, um wirklich noch einmal irgendwo ganz neu anzufangen“.

Und er sagt das, was wahrscheinlich viele seiner Kollegen fühlen: „Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass das alles hier nicht mehr sein soll.“ (Von Norman Körtge)

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