Gewinn für alle Beteiligten

Kinder- und Jugendförderung bietet seit zehn Jahren FSJ-Stellen an

Sind mit ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Babenhausen fast fertig und bereuen es nicht: Deborah Seib (links) und Nathalie Krause.
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Sind mit ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Babenhausen fast fertig und bereuen es nicht: Deborah Seib (links) und Nathalie Krause.

Erinnert sich noch jemand an Wehrpflicht und Zivildienst? Was in Deutschland über Jahrzehnte die meisten jungen Männer nach der Schule oder spätestens dem Studium ereilte, gibt es seit neun Jahren nicht mehr.

Babenhausen – 2011, als die letzten Zivis auf der Zielgeraden waren, löste auch in Babenhausen eine neue Form der gemeinwohlorientierten Arbeit diesen Dienst ab, nun aber auf ungezwungener Basis: das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), für Frauen gleichermaßen möglich wie die zuvor wehrpflichtigen Männer.

Seit einem Jahrzehnt also gibt konkret die Kinder- und Jugendförderung der Stadt jungen Menschen die Chance, sich auf neuem Terrain zu erproben. Ein Gewinn für alle Seiten, wie auch die neue „Dreisamkeit“ der Stadt mit dem Landkreis Darmstadt-Dieburg und den Babenhäuser Rot-Weiß-Handballern.

Formal sind die FSJler der Stadt bei einem Träger angestellt, der die jungen Menschen auch bezahlt, bei der Vermittlung in eine passende Stelle hilft und mit der späteren Einsatzstelle – in Babenhausen also mit der Kommune – abrechnet.

Im Fall von Deborah Seib handelt es sich beim Träger um den Internationalen Bund. Mit ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Kinder- und Jugendförderung ist die 20-jährige aus Sickenhofen fast fertig, wird sich zum Abschluss aber noch bei den anstehenden Ferienspielen einbringen. Die finden wegen Corona in diesem Jahr in abgespeckter Form statt.

Nahmen oft schon mehr als 200 Kinder aus Babenhausen teil, liegt die Grenze laut Jugendpfleger Michael Spiehl diesmal bei 100. Die Kids werden in Kleingruppen betreut, in denen maximal sechs Kinder auf einen Betreuer kommen. Trotz der reduzierten Teilnehmerzahl gab es zuletzt noch einige freie Plätze.

Wie Deborah Seib absolviert auch Nathalie Krause gerade ihren FSJ-Schlussspurt in Babenhausen. Im Falle der 19-Jährigen aus Münster teilen sich drei Parteien die 39-Stunden-Stelle: die Stadt über die Jugendförderung, der Landkreis Darmstadt-Dieburg über seine Nachmittagsbetreuung an den Schulen und die SG Rot-Weiß. Bei der Jugendförderung wird auch Krause in die diesjährigen Ferienspiele eingebunden sein, hilft ansonsten bei verschiedenen Anlässen und regelmäßig im Büro mit.

In den Schulen – etwa der Grundschule im Kirchgarten – leitet sie mehrere Handball-AGs. Die und ihr Einsatz bei den Rot-Weißen, für die sie auch die Brücke zwischen Schul- und Vereinssport schlägt, kommen nicht von ungefähr: Krause spielt selbst ambitioniert Handball, läuft für die HSG Weiterstadt auf. Der Träger ihres Freiwilligen Sozialen Jahres ist die Sportjugend Hessen.

Halfen in der Babenhäuser Kinder- und Jugendförderung, die heute (neben eineindrittel FSJ-Stellen) aus zwei Vollzeit- und zwei Teilzeitkräften sowie sechs Minijobbern besteht, seit 2002 Zivis mit, entschied man sich 2011 bewusst für das FSJ und gegen den Bundesfreiwilligendienst.

„Es war immer unsere Haltung, dass wir Leute kriegen, die mit dem Hintergrund zu uns kommen, vielleicht mal im pädagogischen Bereich tätig zu werden“, nennt Jugendpfleger Michael Spiehl den Grund. Dies sah man im FSJ-Format eher gegeben als bei den „BuFDis“.

So konnte sich auch Nathalie Krause eingangs vorstellen, Lehrerin zu werden. Mittlerweile ist sie davon eher abgerückt, peilt stattdessen ein Sportstudium an. Auch ein Lerneffekt aus der Praxis, dass die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nicht immer das reine pädagogische Zuckerschlecken ist.

Deborah Seib, regelmäßig eingebunden etwa in den Kindertreff, stellte für sich fest, dass sie sich auch im Hintergrund und im Büro recht wohl fühlen kann. „Debbie schreibt viel und gern“, sagt Spiehl. „Wir haben sie oft für die Protokolle eingesetzt.“

Die Sickenhöferin, die wie Seib im vergangenen Jahr ihr Abitur machte und sich damals unsicherer als heute war, was sie perspektivisch machen möchte, sieht ihre Zukunft nun in einem Germanistik-Studium. „Mir hat das FSJ auf jeden Fall einiges gebracht“, findet sie. So habe sie an Selbstbewusstsein gewonnen und nennt einen Beruf im Sozialwesen jetzt zumindest ihren „Plan B, wenn es mit dem Schreiben nicht klappen sollte“.

Auch Seib lässt am Wert der für sie im August ausklingenden Zeit in Babenhausen keine Zweifel: „Obwohl es gerade am Anfang fordernd und anstrengend war: Ich bin echt froh, dass ich das FSJ gemacht habe! Ich habe viel erlebt, was mich weitergebracht hat.“ Dies gelte sowohl auf der persönlichen Ebene als auch auf der fachlichen: Seminare ermöglichten ihr unter anderem die Übungsleiterinnen-Lizenz.

Von all diesen Chancen zur eigenen Entwicklung sollen in Babenhausen auch künftig junge Menschen profitieren können: Sowohl die komplette FSJ-Stelle der Stadt als auch die Kooperation mit dem Kreis und den Rot-Weißen werden beibehalten. Im Spätsommer dieses Jahres steigen die beiden nächsten FSJler ein, diesmal zwei junge Männer. VON JENS DÖRR

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