Aktion des evangelischen Dekanats

Klappstuhltour zu Gast in Babenhausen

Mit einem Sitztanz zu klassischer Musik ist das Treffen im Pfarrhof eröffnet worden.
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Mit einem Sitztanz zu klassischer Musik ist das Treffen im Babenhäuser Pfarrhof eröffnet worden.

Weiterhin Abstand halten ist wichtig, aber auf Klappstühlen im Freien ist manches möglich. Das haben sich Karin Jablonski und Dr. Rose Schließmann, die beiden Referentinnen für die Arbeit mit Menschen in der zweiten Lebenshälfte im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald, gedacht. Zu Gast waren sie nun in Babenhausen.

Babenhausen - Es war einmal ein Baumwollfaden, der sich ungenügend fand für seine Umwelt. Er war zu grob für einen Pullover, zu blass und farblos für eine hübsche Stickerei und zu glatt, um bei anderen anzuknüpfen. Zu nichts nutze und nicht zu gebrauchen. So empfand er sich. Etwas, das gar nicht stimmt, denn jeder sei wertvoll und auf irgendeine Weise ein Licht für seine Mitmenschen, finden zwei Referentinnen des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald. Karin Jablonski und Rose Schließmann touren von Nord nach Süd durchs Dekanat und laden ältere Menschen ein, sich mit eigenem Klappstuhl oder Rollator draußen bei nötigem Abstand zu treffen und Gemeinsamkeit zu erleben. In Babenhausen versammelte man sich im Pfarrhof.„Wir haben überlegt, was in dieser schwierigen Zeit geht“, erzählt Schließmann. Enge Busreisen mit Senioren oder Veranstaltungen mit Essen und Trinken mit Hochbetagten – all das ist mit dem Damoklesschwert Corona nicht möglich, einsames Daheimsitzen aber auf Dauer nicht gut. Begegnungsorte im Freien sollten daher her. So sei die Idee für die Klappstuhltour aufgekommen. Und rund 30 Senioren sind ihr in Babenhausen mit sitzbarem Untersatz gefolgt.

Überall, wo ein Stuhl hindarf, liegt eine Kachel Auf dem Boden. Als Abstandshalter. Platz ist genügend, sodass auch die Maske abgezogen werden kann. Vermehrt sind es Frauen, die sich niederlassen. Vereinzelt gibt es einen Partnerstuhl für den Gatten. Sogar aus dem Umland sind ein paar angereist. Bevor"s ans Eingemachte geht, gibt es ein paar Klänge Musik, zu der sich alle im Sitzen bewegen: Ein Arm weit nach rechts, ein Arm weit nach links und beide hoch über den Kopf. Eine 89-Jährige sitzt im Rollstuhl, die mit 90 Jahren Älteste hockt auf ihrem Rollator. Alle haben Spaß.

Nach der Lockerungsübung will Jablonski wissen, was Babenhausen denn so lebenswert macht. Geschwind kommen Diskussionen auf. „Auf jeden Fall die Altstadt mit dem Blumenschmuck“, meint eine. „Das Freibad“, eine andere. „Naja, das WAR mal schön“, regt sich Widerspruch. Man einigt sich auf viel Wald zum Spazieren gehen, flache Wege zum Radfahren und Gebäude wie Schloss oder evangelische Kirche und das Heimatmuseum. Wie tief die Wurzeln in Babenhausens Erde stecken, wird nicht nur bei der Ältesten deutlich, die einen Steinwurf vom Treffpunkt geboren ist.

Wurzeln bildet auch der Glauben, sagt Schließmann. Daraus könne man in jedem Alter neu erblühen. Und eine Verwurzelung speziell in Babenhausen funktioniere gar, wenn man erst frisch zugezogen sei, ergänzt eine Teilnehmerin. Sie komme aus Wuppertal und werde als Nicht-Babenhäuserin gut aufgenommen. Ein fröhliches Lachen: ihr Herzug ist schon 50 Jahre her. Stimmen tut’s trotzdem, bestätigt eine Gisela, die seit 30 Jahren in Bawehause ist. Brunhilde Schäfer (80) ist vor sieben Jährchen aus Kleestadt hergezogen. Grund für den Wohnortwechsel war ihre engste Freundin, die in Babenhausen lebt, und die sie erst spät beim gemeinsamen Singen im Chor kennengelernt habe.

Freunde sind ein wichtiger Schatz – egal in welchem Alter. Noch ein Konsens aller. Brunhilde Schäfer hat soeben, bei einem von den Referentinnen angeregten Zweiergespräch, eine entfernte Bekannte näher kennengelernt. Und ein Ehepaar Mitte 60 ist noch wirklich neu in der Stadt und knüpft Kontakte. Gelungen scheint also das Vorhaben, neben Kraft und Hoffnung auch Freude in Pandemiezeiten zu bringen. Jablonski und Schließmann werden nicht müde, darauf hinzuweisen, wie viel sich seit dem Lockdown schon alles gebessert habe.

Vor ihrer Tour versuchten sie, mit Kontaktbriefen Mut zu machen. „Jeweils fünf Briefe an rund 200 Menschen haben wir verschickt“, erzählt Jablonski. Mit Kochrezepten, Literaturvorschlägen, Gedichten und dem Tipp, doch einfach mal an die traditionellen Schwätzchen mit Kissen auf der Fensterbank zu reaktivieren.

Selbst für den unglücklichen Faden gibt es in Babenhausen ein Happy End: Gemeinsam mit einem Klümpchen Wachs bildet er ein hell strahlendes Teelicht. Man soll die Hoffnung eben nie aufgeben. (zkn)

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