Vertane Chance

Organspende: Frau aus Babenhausen ist enttäuscht von der Politik

Die Nieren von Carina Körner funktionieren nicht mehr. 
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Die Nieren von Carina Körner funktionieren nicht mehr.

Carina Körner hatte Hoffnung, dass Jens Spahns (CDU) Widerspruchslösung für die Organspende in Kraft tritt. 

Babenhausen – Die Bundestagsabstimmung zur Organspende löste im Januar bundesweit eine große Diskussion aus. Zwar entschied sich die Mehrheit der Abgeordneten gegen die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eingebrachte Widerspruchslösung, die Diskussion in der Bevölkerung ließ die Zahl der Organspenden Anfang des Jahres aber deutlich steigen. Medienberichten zufolge haben im Januar 2020 doppelt so viele Menschen einen Organspendeausweis beantragt wie sonst in einem Monat. Dennoch herrscht auch drei Monate nach der Entscheidung des Bundestages bei vielen Betroffenen Unmut darüber, dass die Widerspruchslösung abgelehnt wurde.

So auch bei Carina Körner. Seit etwa zwei Jahren arbeiten Körners Nieren nicht mehr eigenständig. Warum, wissen ihre Ärzte bis heute nicht. Aufgewachsen in Rödermark, lag Körners Lebensmittelpunkt eigentlich immer in Babenhausen. Im elterlichen Betrieb in der Reiterschänke verbrachte sie große Teile ihrer Kindheit und arbeitete später selbst mit. Auch im befreundeten Reit- und Fahrverein ist sie seit über 20 Jahren aktiv.

Als es ihr im Sommer 2018 plötzlich immer schlechter geht, wird sie gerade noch rechtzeitig von ihrer Hausärztin ins Krankenhaus überwiesen. Weil die Nieren nicht mehr arbeiten, hatte sich ihr Körper quasi selbst vergiftet.

Nach acht Monaten mit vielen Krankenhaus-Aufenthalten und diversen Tests kommen die Ärzte noch immer nicht zu einem Ergebnis. Noch steht Körner nicht auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Seit einem Jahr geht sie dreimal wöchentlich zur Dialyse. Fünf Stunden hängt sie dort jedes Mal an den Maschinen. „Dank der Dialyse geht es mir auch wieder relativ gut. Aber es ist natürlich kein Vergleich dazu, wie es mir vor der Erkrankung ging“, so die 33-Jährige. Auf vieles, was vor zwei Jahren noch ging, muss sie heute verzichten. In der Reiterschänke kann sie nicht mehr mitarbeiten. Auch ihr Kinderwunsch muss jetzt erst mal hintenanstehen. „Das wurmt mich eigentlich am meisten“, so Körner. Die Ärzte raten ihr daher zu einer Transplantation. Eine Spender-Niere würde ihr wahrscheinlich wieder ein normales Leben ermöglichen.

In die Widerspruchslösung des Gesundheitsministers hatte Körner die Hoffnung gesetzt, dass in Zukunft schneller mehr Spenderorgane zur Verfügung stünden. Denn mit dieser Regelung wären alle Bürger nach einem Hirntod automatisch zu Spendern geworden, wenn sie dem nicht zu Lebzeiten widersprochen hätten. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) seien 2018 mehr als 70 Prozent der Befragten zu einer Organspende bereit gewesen. Nur ein Bruchteil dieser Menschen habe diese Entscheidung aber mit einem Organspendeausweis festgehalten. „All diese ‚Ich müsste eigentlich mal‘-Denker wären mit der Widerspruchslösung im Boot gewesen“, so Körner. Der Bundestag entschied sich aber für eine Neuregelung der Entscheidungslösung. Demnach müssen alle Bürger zu Lebzeiten einer Organentnahme ausdrücklich zustimmen.

Astrid Mannes (CDU) sitzt für den Wahlkreis Darmstadt im Bundestag und hat im Januar gegen die Widerspruchslösung gestimmt. Die Regelung hätte, so Mannes, sowohl den Persönlichkeitsrechten als auch der Selbstbestimmung über den eigenen Körper widersprochen. „Wenn es zu einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gekommen wäre, hätte es lange gedauert, wäre wahrscheinlich gekippt worden und dann hätten wir überhaupt keine Verbesserung gehabt“, sagt sie. Schließlich gehe es aber bei beiden Lösungsansätzen, auch bei der Entscheidungslösung, darum, die Organspende zu stärken. Eine Spende müsse aber immer freiwillig und bewusst sein, erklärt Mannes. Daher müsse man einer Organspende aktiv zustimmen können.

Körner sieht die Selbstbestimmung auch mit der Widerspruchslösung nicht gefährdet. Die Möglichkeit, zu widersprechen und so darüber zu bestimmen, was mit dem eigenen Körper nach dem Hirntod passiere, wäre ja jedem gegeben. Nach der Abstimmung im Januar habe Körner zum ersten Mal das Gefühl gehabt, die Politik habe gegen die Mehrheit der Bevölkerung entschieden, sagt sie. Mannes hingegen betont, die Entscheidung sei eine Gewissensentscheidung gewesen. Zudem hätten die Abgeordneten fundamentale Regeln wie die Menschenrechte berücksichtigen müssen: „Ich kann nicht vom Staat per Gesetz zum Ersatzteillager für andere erklärt werden und wenn ich das nicht möchte, muss ich aktiv werden und meine eigene Menschenwürde zurückerkämpfen“, so die Abgeordnete.

In einem sind sich Körner und Mannes aber einig: Die Organspende muss immer wieder zum Thema gemacht werden. „Ich bin das beste Beispiel dafür, wie schnell es gehen kann, dass man auf einmal ein Spenderorgan braucht“, so Körner.

Von Laura Oehl

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