Metallbaukästen haben es ihm angetan

Rudolf Müller: Ein Tüftler im Keller

Rudolf Müller
+
Rudolf Müller

Metallbaukästen haben es Rudolf Müller angetan. Der 71-Jährige ist vom Altstadtfest bekannt.

Babenhausen – Metallplättchen in runder, rechteckiger, gebogener oder gerader Form, allesamt vielfach gelöchert, Muttern, Schrauben und Zahnrädchen – Teil über Teil liegen sie in Rudolf Müllers Werkstattschubladen. Der 71 Jahre alte Rentner ist der Herrscher über sein metallenes Reich. In den vergangenen sieben Jahren seines Werkelns im Ruhestand sind die verschiedensten Konstruktionen entstanden und wieder in ihre Einzelteile zerlegt worden.

Eine Maschine, bei der sich alles dreht und die Krach macht, aber nichts hinten rauskommt, hat Müller für sich „Regierungsmaschine“ getauft. Ein Fan seiner Baustücke aus Darmstadt hat sie ihm abgekauft. Auf das Babenhäuser Altstadtfest bringt Müller fast jedes Jahr einen Kran mit, von dem besonders Kinder ganz verzückt sind. Nicht zuletzt, weil das Ungetüm in den typischen Farben Grün, Rot und Blau der Märklin-Baukästen kleine Gummibärchentüten aus einem Becher angeln kann. Ob es dieses Jahr am zweiten Septemberwochenende eine Chance zum Naschen mit technischer Hilfe geben wird, steht allerdings noch in den Corona-Sternen.

Apropos Corona: Müller hat sich in der Krise ein eigenes Coronavirus aus Metall gebastelt (wir berichteten). „Damit ich nicht das von anderen Leuten annehmen muss“, begründet er und lacht. Da Märklin seit 1999 keine Bauteile mehr produziere, arbeitet der ehemalige Maurermeister mit allem, was ihm in die Finger kommt. Auch Baumarktschrauben wie diejenigen in den Stacheln seines kugelförmigen Coronavirus‘ helfen. Oder Teile aus anderen Metallbaukästen der Marken Meccano und Metallus.

„Das meiste bestelle ich gebraucht im Internet“, erzählt er. Am Anfang habe er dabei wortwörtlich eine Menge Lehrgeld bezahlt und viel zu hohe Summen ausgegeben. Seitdem er sich dem europaweit bestehenden „Freundeskreis Metallbaukasten“ angeschlossen hat, passiert ihm das nicht mehr. Da ist auch mal Tauschen mit Gleichgesinnten möglich, sagt er – genauso wie der gedankliche Austausch. „In einer halben Stunde habe ich so eine Rolle zusammengeschraubt, aber bis man weiß, wie – das dauert.“ Der Bastler zeigt auf eins seiner aktuellen Projekte oder, besser ausgedrückt, mehrere Einzelkonstruktionen davon, die einmal die Nachbildung eines Schiffsdieselmotors ergeben sollen.

Auf die Dampflokomotive nach Ephraim Shay ist Rudolf Müller besonders stolz.

Seine langjährige Lebensgefährtin Monika Fink war nach eigenen Worten zunächst skeptisch, als Müller bei Rentenantritt dieses Hobby aus seiner Kindheit und Jugendzeit wiederentdeckte. „Es kam vor, dass er plötzlich murmelte, er habe eine Idee, und dann für Stunden in den Keller in seine Werkstatt entschwand“, erinnert sie sich. Inzwischen hat sie sich nicht nur daran gewöhnt, sondern ist regelrecht fasziniert davon, was so alles möglich ist mit den kleinen Metallbauteilen. Wenn ihre bessere Hälfte mit dem Friedrichsdörfer Teil des Internet-Freundeskreises einmal im Jahr im Hessenpark ausstellt, ist sie dabei und hilft mit, genauso wie auf dem Altstadtfest. Und einmal im Jahr kommt die Gruppe sogar zu ihnen in den Garten. Ansonsten gibt es alle zwei Monate Treffen in Friedrichsdorf. Wegen Corona war das letzte im Januar.

Seinen Sohn und seine Tochter konnte der Babenhäuser nicht von seiner Bauleidenschaft begeistern, die einst mit einem vom älteren Bruder geschenkten Märklin-Metallbaukasten begann. Auch seine Enkel interessieren sich nicht dafür. Und im Freundeskreis Metallbaukasten gäbe es leider ebenso nur Ältere, bedauert er. „Ein Sechzigjähriger senkt da schon den Altersdurchschnitt.“ Schuld sei die große Zerstreuung heutzutage, wie er meint. Und ohne diese nostalgische Verbindung zu den filigranen Metallteilen gehen die jungen Bauwilligen lieber zu Lego oder Fischertechnik mit Kunststoffelementen.

Zurzeit ist eine Dampflok nach dem Erfinder Ephraim Shay Müllers ganzer Stolz. Ihre Achsen werden alle über Zahnradgetriebe angetrieben, erklärt er. Dadurch fahre die Lok auch durch enge Kurven. Und noch ein großer Erfinder hat es ihm angetan: Leonardo da Vinci und speziell eine von dessen Kriegsmaschinen, die vergangenes Jahr im Museum der Universität Tübingen gezeigt wurde. „Säbelmaschine“ nennt Müller den bei ihm gerade entstehenden Wagen, der in natura gegnerische Heerscharen durch sich beim Schieben drehende Säbel niedermetzeln sollte. (zkn)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare