Vor 75 Jahren

Amerikaner im Zweiten Weltkrieg: Als Besatzer gekommen – als Freund abgereist

US-Soldat George Edlund und der zehnjährige Hergershäuser Bub Ludwig Berz im Jahr 1945. 
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US-Soldat George Edlund und der zehnjährige Hergershäuser Bub Ludwig Berz im Jahr 1945.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Einmarsch der US-Armee in der Region um Babenhausen jährt sich in diesen Wochen zum 75. Mal.

Hergershausen – In Babenhausen war es am Palmsonntag 1945 so weit, dass amerikanische Panzer durch die Stadt rollten und weiße Fahnen an den Häusern wehten.

Eine Geschichte über Feinde, die zu lebenslangen Freunden wurden, kann Doris Berz erzählen. Begonnen hat alles im Frühjahr 1945 mit der Einquartierung eines jungen US-Soldaten bei der Familie ihres späteren Ehemanns Ludwig Berz in der Breiten Straße im damals noch selbstständigen Dorf Hergershausen.

George Edlund, so der Name des bei Kriegsende 33-jährigen Amerikaners, hatte einen Narren am damals zehnjährigen Ludwig gefressen und versorgte ihn mit Schokolade und anderem.

Babenhausen: Beginn einer Brieffreundschaft

Auch als er im Dezember 1945 wieder in seine Heimat zurückging, vergaß er den kleinen deutschen Jungen offenbar nicht. Im Jahr 1946 schrieb er an den damaligen Hergershäuser Bürgermeister mit der Bitte um die Adresse der Leute, bei denen er gewohnt habe und sie sollten ihm doch schreiben, woran es mangele und was er ihnen schicken könne. „Der Brief war einfach an den Bürgermeister von Hergershausen adressiert und kam auch tatsächlich an. Der damalige Lehrer Mösinger hat ihn übersetzt“, sagt Doris Berz. Der kleine Ludwig antwortete mit Hilfe seines Übersetzers.

Beginn einer Freundschaft: Der zehnjährige Ludwig Berz und sein Großvater mit dem US-Soldaten George Edlund in der Hofreite in Hergershausen.

Edlund, der am Lake Michigan zuhause war, schickte der Familie Pakete und ein reger Briefwechsel begann. In einem langen Brief von 1948, der einen sehr direkten Blick in diese Zeit ermöglicht, erkundigt sich der Amerikaner nicht nur nach verschiedenen Hergershäusern, die er in diesen wenigen Monaten kennengelernt hat, sondern schreibt auch über seine Situation nach seiner Rückkehr in die USA. So sei es für ihn schwierig, eine gute Frau zum Heiraten zu finden. Alle seine früheren Freundinnen seien inzwischen verheiratet und nur noch Geschiedene oder ganz junge Mädchen übrig. „Ich hätte ein hübsches, deutsches Mädchen heiraten sollen, wie es so viele amerikanische Soldaten gemacht haben. Hier sind verschiedene deutsche Kriegsbräute in Michigan, und sie leben sehr glücklich. Die meisten von ihnen haben jetzt Kinder, sprechen gut Englisch und sind bei allen Leuten gut angesehen“, so die Übersetzung des Briefs durch Lehrer Mösinger. Edlund bat Familie Berz, doch zu schreiben, was sie am nötigsten bräuchten und wenn Ludwig kein Papier und Stifte habe, um Briefe zu schreiben, so solle er es ihm mitteilen. Der Kontakt nach Deutschland war ihm offenbar wichtig und er hielt.

Babenhausen: Ein Lederball aus den USA sorgt für unfassbare Freude

Weihnachtskarten mit Fotos folgten. Unfassbare Freude machte er dem kleinen Ludwig, als er ihm einen Lederball schickte. Man kann sich vorstellen, was für ein Schatz ein solches Spielzeug damals war.

Später finanzierte der amerikanische Soldat dem jungen Deutschen ein Abonnement des Reader’s Digest in deutscher Sprache. „Als mein Mann und ich 1960 geheiratet haben, haben wir ein Foto nach Amerika geschickt“, erinnert sich Doris Berz, die in Babenhausen aufgewachsen ist und seit ihrer Hochzeit im Stadtteil lebt. „George hat immer gesagt, wenn er eines Tages in Ruhestand geht, kommt er noch einmal nach Hergershausen.“ Im Jahr 1982 war es dann so weit. George Edlund und seine Frau kamen zum ersten Mal für vier Tage in das kleine hessische Dorf, um Ludwig Berz und seine Familie zu besuchen.

Fünf weitere, längere Besuche der amerikanischen Freunde folgten. Doris und Ludwig Berz, der bereits 1994 verstarb, machten Gegenbesuche. Auch die beiden Töchter Edlunds führten die Familientradition fort und flogen über den großen Teich zu Besuchen nach Hergershausen. Zum 100. Geburtstag des Freundes reiste Doris Berz im Februar 2012 noch einmal allein in die USA. Es sollte die letzte Begegnung bleiben, denn Edlund starb im September des gleichen Jahres. Der freundschaftliche Kontakt zu seinen Töchtern besteht weiter.

VON PETRA GRIMM

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