Hergershausen-Sickenhofen mit zwei beeindruckenden Gotteshäusern

Barockes Kleinod und Tempelkirche

Von außen sieht die Evangelische Kirche Sickenhofen aus wie ein schlichter Sandsteinbau des Klassizismus.
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Von außen sieht die Evangelische Kirche Sickenhofen aus wie ein schlichter Sandsteinbau des Klassizismus.

Ein barockes Kleinod mit großer Tradition im Babenhäuser Stadtteil Hergershausen ein scheinbar bescheidener Sandsteinbau mit spitzem Turm Nachbargemeinde Sickenhofen: In Babenhausen gibt es einige historische Kirchen.

Hergershausen/Sickenhofen – Die aus Offenbach stammende evangelische Pfarrerin Elke Becker hat die Wahl zwischen zwei historischen Gotteshäusern in ihrer Gesamtkirchengemeinde Hergershausen-Sickenhofen: Der Babenhäuser Stadtteil Hergershausen besitzt ein barockes Kleinod mit großer Tradition, deren Nachbargemeinde Sickenhofen einen scheinbar bescheideneren Sandsteinbau mit spitzem Turm, der sich im Inneren als erstaunlich geräumige klassizistische Tempel-Architektur entpuppt.

Das ist in Zeiten, in denen wegen immer geringerer Mitgliederzahlen und Sparzwängen Kirchengemeinden zusammengelegt und Gotteshäuser aufgegeben oder gar abgerissen werden, keineswegs selbstverständlich. Auch nicht, dass Becker in einem stilvollen klassizistischen Pfarrhaus wohnen darf, neben dem eine historische Pfarrscheune mit alten Schießscharten als stimmungsvoller Versammlungsort zur Verfügung steht – mitten in einem parkartigen Garten. Noch kann sich die protestantische Kirche das leisten.

Ein barockes Kleinod mit großer Tradition ist in Hergershausen zu finden.

Becker ist sich dieser heilen Welt sehr bewusst und gibt alles dafür, dass das erst mal so bleibt: „Natürlich fühle ich mich in solch schönen Kirchen pudelwohl, zumal die Zusammenarbeit mit Kirchenvorstand und Gemeinde von großem Vertrauen geprägt ist. Die Wechsel zwischen beiden Dorfkirchen klappen reibungslos.“ Das war nicht immer so. Die Pfarrei im alten Dorf Sickenhofen war zuerst da – und das schon länger als 1 000 Jahre. Schon 1350 stand auf dem Kirchhof eine Kapelle, die 1819 für baufällig erklärt wurde. Es dauerte, bis ein klassizistischer Neubau zwischen 1829 und 1831 entstand, für den eine 150 Meter lange Sackgasse geräumt und Hofreiten niedergelegt wurden – und woanders wieder aufgebaut. Baumeister war Georg Lerch, Schüler des berühmten Darmstädter Landesbaumeisters Georg Moller, ohne den es die großen antikisierenden Bauten um den Langen Ludwig gar nicht gäbe. Noch heute spürt man beim Betreten des Kirchenschiffs den großen Atem, mit dem mitten im Dorf gebaut wurde. Die Emporen ruhen auf imposanten Säulen im dorischen Tempelstil, auf weitere Ornamentik wurde verzichtet. Auffällig ist auch das doppelte Altarkreuz vor und hinter der Kanzel der Predigtkirche. Durch die großen Rundbogenfenster aus Danziger Antikglas fällt angenehm helles Licht, auch auf die neue Orgel von 1990.

Bewundernswert sind die Fenster in Hergershausen.

Zwei Kilometer entfernt wirkt die Barockkirche Hergershausen mit dem Dachreiter wie ein Kontrastprogramm zu Sickenhofen. Der Neubau wurde 1712 geweiht und ist bis heute gut erhalten beziehungsweise wiederhergestellt. Die Rokoko-Wandmalerei mit Rocaille-Blütenranken und Muschelmotiven von 1765 wurde erst bei der letzten Renovierung 1984/85 wieder freigelegt und restauriert – in Ocker und Rot auf hellem Kalkgrund. Die Maler Johann Seitz aus Dieburg, Anton Reis aus Groß-Umstadt und Joseph Reißner aus Mainz teilen sich den Ruhm zu dieser Rankenmalerei, die oft umstritten war in einer protestantischen Kirche. Stolz ist die lebendige Gemeinde auch auf ihre drei wohlklingenden Glocken und von Gemeindemitgliedern gestifteten historistischen Glasfenster, die 1912 zum 200-Jahre-Kirchenjubiläum eingebaut wurden. Sie sorgen im Kirchenraum für stimmungsvolles Licht. Historisch wertvoll sind auch die alten Gemälde zu Evangelisten und Aposteln an der Orgelbrüstung, die zeitweise übertüncht waren. Und die Orgel selbst? Für das wertvolle Instrument mit dem glänzenden Prospekt samt vergoldeten Akanthusblättern wurde eine sehr seltene Registrieranweisung erstellt, die heute in der Hessischen Landesbibliothek in Wiesbaden aufbewahrt wird. Orgelbauer war der Hochgräflich Erbacher Meister Johann Christoph Dauphin, der das Orgelbauhandwerk im thüringischen Mühlhausen erlernte und dort Kontakt hatte zum genialen Orgelspieler und Weltkomponisten Johann Sebastian Bach. Da wunderte es nicht, dass die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau 1985 ihr 50-jähriges Bestehen in diesem Gesamtkunstwerk feierte. Das Fernsehen war dabei.

Ein beeindruckender dorischer Tempelbau ist im inneren der Sickenhöfer Kirche zu sehen. Besonders ist auch das doppelte Altarkreuz.

Aus dieser Historie ist auch die ehemalige Rivalität der Kirchengemeinden von Sickenhofen und Hergershausen zu verstehen, die beide um den Pfarrsitz buhlten. Schon 1828 scheiterte aber der Versuch von Hergershausen, Sickenhofen zur Filialkirche zu machen. So wohnt auch Pfarrerin Becker nun in Sickenhofen, das Pfarramt hat den alten Sitz behalten. „Ich liebe beide Kirchen und die Arbeit in der Doppelgemeinde. Deren Stärken sind die Kooperation, aber auch Leistungsfähigkeit und vertrauensvolles Miteinander“, sagt sie. „Die Freiheit des Christenmenschen wird hier ebenso gelebt wie der offene Umgang miteinander. Dabei haben wir, nicht nur in der Pandemie, viele Veränderungen zu bewältigen.“ Die danebenstehende Prädikantin Jasmin Klein und Küsterin Sieglinde Malmendier nicken heftig im Sickenhöfer Glaubenstempel. Dort sieht man, welche kulturellen Werke in Sickenhofen und Hergershausen vor einem stehen. (Von Reinhold Gries)

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