„Klootsoecker“ ist bei Babenhausens Friesensport-Betreibern seit 25 Jahren stets dabei

Bosseln ohne Schöt und Schlichter

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Sie bosseln für den BCB, der jetzt 25-jähriges Bestehen feiert.

Babenhausen - „Wo de Nordseewellen trecken an de Strand, wor de geelen Blöme bleuhn int gröne Land, wor de Möwen schrieen gell int Stormgebrus, dor bün ick to Hus. “ So lauten die ersten Zeilen eines der beliebtesten Lieder Frieslands. Von Michael Just 

Es ist das Vereinslied des 1. Bosselclubs Babenhausen (BCB). 1993 gegründet, feiert er 2018 sein 25-jähriges Bestehen. Im Hanauer Tor wurde das jetzt mit einem gemeinsamen Essen begangen. In der Gersprenzstadt weiß kaum jemand, was Bosseln überhaupt ist. Passioniert gespielt wird es in Fries- und Emsland, im Oldenburger Land sowie in Holland und Irland. Die Regeln sind schnell erklärt: Zwei Teams versuchen mit ihrer Kugel eine beliebige Strecke als erste zurückzulegen. Das bedingt weites und kraftvolles Werfen. Gespielt wird auf befestigten Wegen oder öffentlichen Straßen. Letztere werden in den Hochburgen sogar für Wettkämpfe gesperrt. Auf geraden Straßen kann mit verschiedenen Techniken 100 Meter und mehr geworfen werden. Spitzen-Bossler schaffen gar 200 Meter. In Friesland sind Spieldistanzen von zehn Kilometer und mehr normal.

„Geht es um Kurven, gilt es, der Kugel einen Drall zu verleihen“, erklärt Heinz Alker vom BCB. Nicht selten landet das Spielgerät im Gebüsch oder in einem Graben. Dann kommt ein langer Stil samt Metallkorb, fachmännisch „Klootsoeker“, umgangssprachlich Kugeltaucher genannt, zum Einsatz. Im Anschluss wird da weitergemacht, wo das Runde die Straße verließ. In Friesland stellen die vielen Wassergräben eine Herausforderung dar. In Babenhausen wird deshalb entlang der Lache gespielt.

„Auch mit Kugeltaucher heißt es für uns regelmäßig: Schuhe und Socken aus. Bei Hochwasser haben wir schon Kugeln verloren, mit Glück finden wir sie irgendwann wieder“, erläutert Alker. Die Hausstrecke des BCB reicht vom Startpunkt nahe der Dudenhöfer Straße über rund drei Kilometer bis zur Reiterschänke, wo eine Einkehr erfolgt. Im Durchschnitt werden bis dahin 32 Würfe je Team benötigt.

Einst aus Holz geschnitzt, sind die Bossel-Kugeln heute aus Gummi gefertigt.

Der BCB resultierte aus einem Stammtisch, dem einst ein Neubürger von der Nordsee den Spaß empfahl. Die Zahl der Mitglieder lag stets bei rund zehn bis zwölf Personen. Von den neun Gründern sind heute mit Heinz Alker, Dieter Dowald, Klaus Hülsmann, Georg Pollikeit und Bruno Weber noch fünf dabei. Der Club ist bewusst kein eingetragener Verein. „Jeder ist Vorstand und hat seine Aufgabe“, erläutert Alker. Das wird auf den Visitenkarten ausgedrückt, die auch eine Art Club-Ausweis sind. Als „Technical Director“ hütet Dieter Dowald die zwölf Spielkugeln, den Klootsoeker und den Catering-Wagen, der als umgebauter Bollerwegen über einen speziellen Aufsatz für Bier und Gläser verfügt. Als „Corporate Officer Finance“ kümmert sich Bruno Weber um die Finanzen. „Wir nehmen uns nicht ernst. Es geht eigentlich nur um den Spaß“, macht die Truppe klar und führt an, dass man sich am liebsten über die unwichtigsten Dinge der Welt unterhält. Sollte Grönland zu Dänemark gehören sei eine davon. Von Frauen in den Reihen sah „mann“ aus Harmoniegründen bisher ab. Aus gleichem Grund wurde auch der „Schöt“, eine Wertungsregel, die zum Aussetzen von Spielern führen kann, abgeschafft. „Über den Schöt lässt sich vortrefflich streiten“, weiß Alker. In der Vergangenheit hatte der Club dafür einen Schlichter gewählt. Dem kam auch die humorvolle Aufgabe zu, für bewegte Gemüter zu sorgen, wenn es beim Spielen zu ruhig war. Zur Vereinfachung gibt es mittlerweile weder Schöt noch Schlichter.

Fit bleiben mit dem Barre-Workout

Der BCB trifft sich einmal im Monat zum Spielen und ein weiteres Mal zum Stammtisch. Dazu stehen ein Jahresausflug und die Weihnachtsfeier im Programm. In Norddeutschland existiert sogar ein Liga-Betrieb im Bosseln. Die beiden großen Landesverbände Ostfriesland und Oldenburg zählen mehr als 40.000 Mitglieder in 261 Vereinen. Von der Jugend, über die Frauen bis zu den Senioren sind alle Altersklassen vertreten. Selbst deutsche Meisterschaften werden organisiert.

Im Vergleich dazu gelten die Babenhäuser Bossler hierzulande als Exoten. Nach 25 Jahren weiß man, dass man den 1. Bosselclub Babenhausen auch ohne die Eins hätte versehen können. „Damals dachten wir, es kommt noch was nach“, sagt Heinz Alker. Das war nicht so. Das wird die Herren nicht davon abhalten, weiter ihrer Leidenschaft und auch dem Singen nachzugehen. Erreichen sie die Brücke an der Reiterschänke, wird als guter Brauch das Lied „Wo die Nordseewellen“ angestimmt. Noch häufiger ist das Motto und der Trinkspruch „Fleu herut!“ (Flieg hinaus!) zu hören. Dreimal gerufen geht damit die Hoffnung einher, dass das Bosselgerät möglichst weit vom Werfer entfernt zum Liegen kommt.

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