Imker Martin Hartmann aus Babenhausen

Herr über zwei Millionen Honigbienen

In der Nähe von Langstadt stehen diese Bienenstände von Imker Martin Hartmann.
+
In der Nähe von Langstadt stehen diese Bienenstände von Imker Martin Hartmann.

Zwei Millionen Honigbienen in über 40 Völkern rund um Babenhausen und ein Honiglädchen in der Altstadt nennen Martin und Gisela Hartmann ihr Eigen.

Babenhausen – Seit einigen Jahren ist es vielen Menschen Bedürfnis, über Umwelt und Naturschutz zu sprechen. Auch über die Rettung gefährdeter Bienenvölker. Der Babenhäuser Imker Martin Hartmann (Jahrgang 1964) redet nicht nur darüber. Er ist ständig im Einsatz für rund zwei Millionen Honigbienen in über 40 Völkern an fünf Standorten vor dem Odenwald. Mit seiner Familie vermarktet er seinen Honig und Honigprodukte im eigenen Lädchen in Babenhausens Altstadt.

Um seinen Bienen gute Nahrungsgrundlagen zu bieten, hat er die Stände weit auseinandergezogen. Nahe der Harreshäuser Allee fing alles an vor über 35 Jahren: „Von meinem ersten Gesellenlohn als Lithograf kaufte ich Hochstammbäume für unser Baumstück an der Allee. Da lag der Schritt zur Imkerei nahe. Im Zivildienst las ich viele Bücher darüber, baute meine ersten Bienenkästen und begleitete einen alten Imker. Nachdem in Babenhausen ein Imker aus Altersgründen stark reduzierte, wurde ein Platz für mich frei. Im seit etwa zehn Jahren wachsenden Bienenhype halten sich Anfänger oft nicht an solche Regeln und riskieren mit zu hoher Bienendichte Nahrungsmangel und Krankheiten.“ Diese Schilderung ist typisch für Hartmann, der in die Beschreibung seiner Tätigkeiten oft Kritisches einwebt, um das Bewusstsein für die Natur zu schärfen.

Wie achtsam er mit seinen Bienenständen in Babenhausen, Harpertshausen, Langstadt, Schaafheim und Mosbach umgeht, sieht man vor Ort. Gleich, ob auf einer Obstwiese, im Wald, am Waldrand oder im geschützten Feldrain: Hartmanns Kästen fügen sich organisch ins Landschaftsbild ein und wirken selbst wie Idyllen. Der auch als Schulhausmeister arbeitende Naturliebhaber schaut, sieht das weniger romantisch: „Aktuell beschäftigen mich die Folgen der langen Kaltphase der letzten Wochen. Wie lange reicht das vorhandene Futter aus, um wachsende Völker zu ernähren? Die Bienen brauchen jetzt stilles und warmes, nicht zu warmes Wetter, um in die Raps- und Obstblüte fliegen zu können. Man bedenke: Ein Volk braucht zur Erzeugung von Lindenblütenhonig mindestens 25 Lindenbäume.“

Im Honigladen in der Amtsgasse 17 bietet Gisela Hartmann diverse Honigsorten und andere Produkte an.

Immerhin ist Hartmann durch geschickte Eingriffe bei (männlichen) Drohnen um das große Bienensterben herumgekommen. Nun braucht er neue, gut ernährte und starke Königinnen, die sich zu Drohnenplätzen begeben, wo die Begattung der Königin im Fluge erfolgt. Das klingt schwebend leicht, ist es aber nicht: „Leider haben wir oft nicht mehr so resistente, graue Drohnen wie vor Jahrzehnten. Durch immer mehr Kreuzungen sehen wir eher gelbe bis orangefarbene, anfälligere Exemplare. Die Völker sind nicht mehr so widerstandsfähig wie früher.“

Das allgemeine Bienensterben der letzten Jahre erklärt er so: „Die Ursachen sind vielfältig. Grundbelastung ist die eingeschleppte Varroamilbe, als Last obendrauf kommt das knapper werdende Nahrungsangebot durch zunehmende Verarmung der Landschaft. Neubaugebiete, aufgeräumte Landschaften ohne Hecken und Bäume, hoch industrialisierte Landwirtschaft sorgen ebenso für Stress in den Völkern wie heiße, trockene Sommer. Zu wenig Nektar schwächt auch die Wildbienen.“ Dabei ist die Situation der Honigbienen für den Imker fast „Nebenkriegsschauplatz“: „Es geht vor allem ums Insektensterben insgesamt, man sollte die Lebensbedingungen für alle Insekten verbessern, nicht nur durch Ackerrandblühstreifen und Wildblumenvorgärten. Wenn man heute versucht, auf einer Wiese wie früher einen großen, bunten Blumenstrauß zu pflücken, hat man ein Problem.“

Kontakt

Imkerei Hartmann, Amtsgasse 17; geöffnet: dienstags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 12 Uhr; Telefon 06073 64269.

Ihm Rahmen seiner Mission bietet Hartmann in der Mosbacher Grundschule eine Bienen-AG an. Botschaften verbreitet Hartmann mit seiner Familie auch im Schaufenster seines Honigladens. Zu Ostern las man: „Wann haben sie zuletzt einen Hasen gesehen, einen echten Feldhasen, keinen Osterhasen?“ Neben dem Plakat saß ein alter Holzhase, den die Hartmanns sagen ließen: „Kiesabbau, Straßenbau, Baugebiete und Landwirtschaft haben meine Heimat zerstört.“ Im gemütlichen ehemaligen Tante-Emma-Laden helfen Hartmanns Ehefrau Gisela, sonst Krankenschwester, und die Töchter Elisabeth und Johanna. Neben gefüllten Regalen mit diversen Honigsorten lenken sie den Blick auf Honiglotion und honighaltige Hautprodukte. Über einer mechanischen Honigschleuder, einem alten Bienenkorb und ausgedienten Smokern, die früher mit Rauch Bienen beruhigten, sorgen gerahmte Fotos und Texte für Information.

Dort liest man, wie sich traditionelle Imkerei zum Dienst an der Umwelt gewandelt hat, im Einklang mit dem Lebensrhythmus der Bienenvölker. Oder man lernt „Bienen als kleine Wunder der Natur“ kennen mit sprichwörtlichem Bienenfleiß im arbeitsteiligen Volk. Ohne seinen Staat wäre die einzelne Sammelbiene heillos überfordert: Für ein Glas (500 Gramm) Honig müsste eine Arbeiterin dreieinhalb Mal um die Erde fliegen. (Reinhold Gries)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare